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Banken weltweit: Warum Vorsicht zur Blockade wird

· Redaktion Helfen statt Blockieren

Kein Gesetz verbietet einer Bank, eine erlaubte Überweisung auszuführen. Trotzdem ziehen sich Banken seit Jahren aus ganzen Regionen und Kundengruppen zurück. Die Daten der Zentralbanken zeigen, wie weit dieser Rückzug reicht, wer ihn spürt und warum er für die Banken oft die einfachste Rechnung ist.

−47 %aktive Korrespondenzbanken in Lateinamerika und der Karibik, 2011 bis 2022 (genau −47,1 Prozent)CPMI der BIZ, Mai 2023
75 %der großen internationalen Banken meldeten 2015 weniger KorrespondenzbeziehungenWeltbank, Umfrage, November 2015
−93 %Zahl der Zahlungsnachrichten mit Afghanistan, 2011 bis 2022 (genau −92,6 Prozent)CPMI der BIZ, Mai 2023, Tabelle 11
685 Mrd.US-Dollar Rücküberweisungen erreichten 2024 Länder mit niedrigem und mittlerem EinkommenWeltbank, 18.12.2024

Wie eine Zahlung über Grenzen läuft

Eine Überweisung von Berlin nach Havanna, Lagos oder Port Moresby geht selten direkt. Sie läuft über eine oder mehrere Korrespondenzbanken, die füreinander Konten führen. Vor allem für Zahlungen in US-Dollar braucht fast jede Bank der Welt einen Partner mit Zugang zum amerikanischen Finanzsystem. Etwas mehr als die Hälfte des Werts aller Zahlungsnachrichten lautete Ende 2022 auf US-Dollar. Wie der Weg einer erlaubten Zahlung Station für Station aussieht und wo er stockt, erklärt das Stück „Warum eine erlaubte Zahlung hängen bleibt“.

Was die Daten zeigen

Der Ausschuss für Zahlungsverkehr der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) misst den Rückzug seit 2011 anhand der SWIFT-Nachrichten. Das Ergebnis ist eindeutig in der Richtung und ungleich in der Verteilung. In keiner Region ist die Zahl der aktiven Korrespondenzbanken gestiegen. In Lateinamerika und der Karibik fiel sie um fast die Hälfte, in Ozeanien gingen mehr als die Hälfte der Partner für US-Dollar verloren, in Nordamerika war der Rückgang am kleinsten.

Rückzug der Korrespondenzbanken nach Region, 2011 bis 2022

Rückgang der Zahl aktiver Korrespondenzbanken in Prozent, gemessen an SWIFT-Zahlungsnachrichten (MT 103 und MT 202). Erste Reihe alle Währungen, zweite Reihe nur US-Dollar. Keine Region verzeichnete einen Anstieg.

Regionalle Währungennur US-Dollar
Lateinamerika und Karibik47,149,9
Ozeanien37,855,1
Afrika34,240,9
Europa ohne Osteuropa34,241,4
Osteuropa34,045,6
Asien29,939,1
Nordamerika19,419,1

Quelle: Ausschuss für Zahlungsverkehr und Marktinfrastrukturen (CPMI) der BIZ, Chartpack „Correspondent banking data“, Mai 2023, Tabellen 2 und 3, Daten bis Ende 2022 (jüngster Stand). Datei daten/cpmi_korrespondenz_2011_2022.csv.

Nicht jeder Rückgang ist ein Schaden. Banken schließen sich zusammen, Technik ersetzt Zwischenstationen, und der Wert der Zahlungen stieg in vielen Ländern trotzdem. Eine Auswertung im Quartalsbericht der BIZ von 2020 fand aber Muster: Länder mit höherer wahrgenommener Korruption verloren mehr Partner, eine wiederholte Einstufung durch die FATF als Hochrisikoland beschleunigte den Verlust um rund 20 Prozentpunkte, Finanzplätze im Ausland verloren deutlich mehr. Steigende Kosten für Rücküberweisungen zeigten sich nur in Ländern, die Partner verloren hatten. Die Autoren nennen das einen Zusammenhang, keinen Beweis, und ihre Auswertung vorläufig.

Warum Banken gehen

Die Weltbank befragte 2015 Aufsichtsbehörden und Banken. 75 Prozent der großen internationalen Banken meldeten weniger Korrespondenzbeziehungen. Mehr als 69 Prozent der Behörden sahen Geldtransferdienste am stärksten betroffen, danach kleine und mittlere Banken und kleine Exporteure. 28 Prozent der befragten Geldtransferdienste hatten keinen Zugang mehr zu Bankdienstleistungen. Als Gründe nannten Banken Gewinnerwägungen, Druck von Partnerbanken oder Behörden, mangelndes Vertrauen in die Kontrollen der Transferdienste und den eigenen Ruf.

Die FATF kam 2021 in einer Bestandsaufnahme zum selben Schluss: Gewinnerwägungen seien der Haupttreiber, hohe Kosten für die Einhaltung von Regeln flössen in diese Rechnung ein. Falsch umgesetzte Regeln gegen Geldwäsche und die fehlende Prüfung des Einzelfalls trügen bei, ebenso die Furcht vor der Aufsicht und vor dem Ruf. Als De-Risking gilt der Verlust eines Kontos dann, wenn er nicht auf einer Prüfung des Einzelfalls beruht. Hinzu kommt eine ungleiche Rechnung, die der Ökonom Előd Takáts beschrieben hat: Ein übersehener Treffer kann eine Bank eine hohe Strafe kosten, eine abgelehnte erlaubte Zahlung kostet sie fast nichts. Was diese Rechnung mit den Menschen macht, die prüfen, steht im Artikel „Arbeiten unter Blockade“.

Wer den Preis zahlt

Familien. Rücküberweisungen erreichten 2024 nach Schätzung der Weltbank 685 Milliarden US-Dollar in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, mehr als Direktinvestitionen und Entwicklungshilfe zusammen. Über eine Bank kostete eine Überweisung von 200 US-Dollar Ende 2024 im Schnitt 13,40 Prozent, über einen Transferdienst 4,98 Prozent. Die Zahlen je Region und Anbieter stehen im Themenblatt „Geld und Überweisungen“.

Firmen. Ein Arbeitspapier von Ökonominnen und Ökonomen um Ralph de Haas untersuchte Banken in Osteuropa, die ihre Korrespondenzbank verloren. Die Firmenkunden dieser Banken exportierten danach weniger, glichen das im Inland nur teilweise aus, und Umsatz und Beschäftigung sanken. Das Papier ist noch nicht begutachtet.

Hilfswerke. Der Norwegische Flüchtlingsrat meldete nach der UN-Resolution 2664 vom Dezember 2022 einen Rückgang der Nachfragen von Banken zu seinen Zahlungen um 40 Prozent. Später berichtete er nach einer Studie des International Peace Institute von einem Anstieg des De-Risking um 300 Prozent. Fortschritt bei Banken ist also umkehrbar. Was die Resolution geändert hat und was nicht, steht im Artikel „Humanitäre Ausnahmen“.

Kuba: eine Bank sagt Nein, zwei Regierungen sagen warum

Western Union stellte am 5. Februar 2025 die Überweisungen nach Kuba ein, nachdem die USA die Liste gesperrter kubanischer Firmen erneuert hatten; darauf steht Orbit, die Firma, die die Auszahlungen abwickelte. Außenminister Rubio begründete die Liste damit, den Teilen des Regimes Mittel zu entziehen, die Militär und Geheimdienst unterstehen. Rund 200 ausländische Banken haben nach Angaben an die UN-Sonderberichterstatterin seit 2021 ihre Beziehungen zu Kuba beendet. Die Sonderberichterstatterin schrieb, De-Risking und Überbefolgung im Gefolge des US-Embargos hätten die humanitäre Lage erheblich verschärft.

Zur anderen Hälfte gehört, dass die kubanische Führung den Zahlungsweg selbst so gebaut hat: Orbit arbeitet nach dem Bericht für Financiera Cimex, die das Militärkonglomerat GAESA kontrolliert. Und dieselbe Führung verfolgt politische Gegner: Prisoners Defenders zählte im September 2026 1.351 politische Gefangene. Für Familien in Miami, Madrid oder Berlin bleibt das Ergebnis dasselbe: Geld findet schwerer und teurer seinen Weg.

Was Regierungen und Gremien inzwischen tun

Die Regierungen kennen das Problem. Das US-Finanzministerium nannte in seiner Strategie gegen De-Risking vom 25. April 2023 ebenfalls Gewinn als Haupttreiber, daneben den Ruf, den Risikoappetit, unklare Erwartungen der Aufsicht und den Aufwand. Am stärksten betroffen seien kleine und mittlere Geldtransferdienste, Gemeinschaften im Ausland, die auf Rücküberweisungen angewiesen sind, bestimmte kleine Firmen und humanitäre Organisationen. Die FATF änderte im Oktober 2023 ihre Empfehlung 8 für gemeinnützige Organisationen: Maßnahmen sollen gezielt und verhältnismäßig sein und legitime Wohltätigkeit nicht unnötig stören oder entmutigen. Ob das Banken umstimmt, lässt sich noch nicht messen; die Daten der BIZ enden 2022.

Zwei Sichtweisen

Was Banken und Aufsicht sagen

Banken sind verpflichtet, Geldwäsche, Terrorfinanzierung und Sanktionsverstöße zu verhindern. Ein Konto zu kündigen, dessen Risiko man nicht beherrscht, ist nach der Europäischen Bankenaufsicht teils legitimes Risikomanagement.

Wo Länder ihre eigene Aufsicht schwach führen, ist der Rückzug auch eine Folge dortiger Mängel; die FATF nennt schwache nationale Regulierung ausdrücklich als Grund.

Was Betroffene und Fachleute sagen

Wer ganze Länder oder Kundengruppen ablehnt, prüft nicht den Einzelfall; genau das verlangen FATF und Europäische Bankenaufsicht.

Wenn Zahlungen aus dem regulierten System verdrängt werden, in bar oder über informelle Netze, sinkt die Kontrolle, die die Regeln erreichen sollten; auch das steht in der Bestandsaufnahme der FATF.

Was helfen würde

Die Vorschläge der Fachgremien sind seit Jahren dieselben: Risiko im Einzelfall prüfen statt ganze Gruppen ausschließen, Aufsicht und Leitlinien, die Banken Sicherheit geben, und Ausnahmen, die Banken ohne lange Rechtsprüfung anwenden können. Für Kunden in der EU gibt es zusätzlich Rechte, etwa das Basiskonto und die Abwehrverordnung gegen bestimmte US-Gesetze; sie stehen im Leitartikel „Was Unternehmen, Banken und jeder Einzelne tun können“.

Dieser Beitrag ist eine Information und keine Rechts-, Anlage- oder Gesundheitsberatung. Er stellt keine Diagnosen. Er gibt die Sicht der Redaktion wieder, stützt sich auf die genannten Quellen und nennt Gegenpositionen. „Helfen statt Blockieren“ ist überparteilich.

Quellen

Alle Online-Quellen abgerufen am 3. November 2026. Datendateien zum Nachrechnen: daten/ dieser Reihe.

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