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· Redaktion Helfen statt Blockieren

Zerfällt die Weltwirtschaft in Blöcke, und was würde das kosten? IWF, WTO, EZB, Weltbank und das Kiel Institut haben Szenarien gerechnet. Diese Analyse stellt ihre Spannen nebeneinander, von 0,2 bis 9 Prozent der Weltwirtschaftsleistung, zeigt, wie sich das Gewicht der Weltregionen verschiebt, und sagt, was die Rechnungen nicht können. Eine eigene Prognose macht sie nicht.

0,2 bis 7 %langfristiger Verlust der Weltwirtschaft bei Zerfall in BlöckeIWF 2023
−13 %Welthandel bis 2050, wenn sich alle Länder einem von zwei Blöcken anschließenWTO 2023
19,9 %Anteil Chinas an der Weltwirtschaft 2026 (Kaufkraft); 1990: 3,6 ProzentIWF
+0,6 %mehr Welt-BIP bis 2029, falls der Ausbau künstlicher Intelligenz stärker ausfälltIWF, Oktober 2026

Wie man Szenarien liest

Ein Szenario ist keine Vorhersage. Es beantwortet die Frage: Was wäre, wenn? Die WTO schreibt zu ihren eigenen Rechnungen ausdrücklich, sie seien keine Prognosen. Jede Zahl hängt an Annahmen, vor allem daran, wie leicht Firmen Lieferanten und Kunden ersetzen können. Das Kiel Institut nennt diese Ersetzbarkeit die Annahme mit dem größten Einfluss auf das Ergebnis. Deshalb stehen unten Spannen, nicht einzelne Werte.

Lange Frist: was Blöcke kosten könnten

Der IWF hat 2023 die bekannteste Spanne veröffentlicht: Ein Zerfall des Welthandels könnte langfristig zwischen 0,2 Prozent der Weltwirtschaftsleistung (begrenzte Fragmentierung) und bis zu 7 Prozent (schwere Fragmentierung mit hohen Anpassungskosten) kosten; kommt eine technische Entkopplung hinzu, in einzelnen Ländern 8 bis 12 Prozent. Am meisten gefährdet seien Schwellen- und Niedrigeinkommensländer, weil sie das Wissen verlören, das mit Handel und Investitionen kommt. In einer zweiten Rechnung zu Direktinvestitionen kam der IWF auf rund 2 Prozent des Welt-BIP.

Die WTO hat im World Trade Report 2023 die Welt bis 2050 in zwei Blöcke geteilt, einen östlichen und einen westlichen. In diesem Fall der „vollen Rivalität“ fiele der Welthandel um 13 Prozent; Entwicklungs- und am wenigsten entwickelte Länder verlören im Schnitt 6,5 Prozent ihres BIP, Industrieländer etwa 3 Prozent. Bleiben einige Entwicklungs- und alle ärmsten Länder neutral, beträgt der Verlust im Schnitt 2,8 Prozent, und die ärmsten Länder gewönnen sogar 1,9 Prozent. Die EZB hat 2024 einen Extremfall gerechnet, in dem zwischen geopolitischen Blöcken prohibitive Handelsschranken gelten: Die Weltwirtschaftsleistung fiele um bis zu 9 Prozent, die Inflation stiege im ersten Jahr um 4 Prozentpunkte.

Was ein Zerfall der Weltwirtschaft kosten könnte: acht Schätzungen

Verlust gegenüber einer Welt ohne Fragmentierung. Die Studien messen Verschiedenes (Weltwirtschaftsleistung, Einkommen einzelner Länder, Inlandsverwendung), zu verschiedenen Zeitpunkten; sie sind nicht addierbar. Achse: Prozent.

024681012Zerfall in Blöcke, Welt, langfristig0,2 bis 7 % des Welt-BIPIWF 2023dazu technische Entkopplung, einzelne Länder8 bis 12 % des BIPIWF 2023Zerfall der Direktinvestitionen, Weltrund 2 % des Welt-BIPIWF 2023zwei Blöcke bis 2050, Industrie- und Entwicklungsländer3 und 6,5 % des BIPWTO 2023teilweise Rivalität, Welt, bis 20502,8 % des BIPWTO 2023Extremfall: Schranken zwischen Blöcken, Weltbis zu 9 % des Welt-BIPEZB 2024harte Abkopplung von China, Deutschland, dauerhaft1 bis 2 % der InlandsverwendungKiel 2024dieselbe, Deutschland, erste Monate4 bis 5 %Kiel 2024024681012Zerfall in Blöcke, Welt, langfristig0,2 bis 7 % des Welt-BIPIWF 2023dazu technische Entkopplung, einzelne Länder8 bis 12 % des BIPIWF 2023Zerfall der Direktinvestitionen, Weltrund 2 % des Welt-BIPIWF 2023zwei Blöcke bis 2050, Industrie- und Entwicklungsländer3 und 6,5 % des BIPWTO 2023teilweise Rivalität, Welt, bis 20502,8 % des BIPWTO 2023Extremfall: Schranken zwischen Blöcken, Weltbis zu 9 % des Welt-BIPEZB 2024harte Abkopplung von China, Deutschland, dauerhaft1 bis 2 % der InlandsverwendungKiel 2024dieselbe, Deutschland, erste Monate4 bis 5 %Kiel 2024
Werte als Tabelle
SchätzungQuelleSpanne
Zerfall in Blöcke, Welt, langfristigIWF 20230,2 bis 7 % des Welt-BIP
dazu technische Entkopplung, einzelne LänderIWF 20238 bis 12 % des BIP
Zerfall der Direktinvestitionen, WeltIWF 2023rund 2 % des Welt-BIP
zwei Blöcke bis 2050, Industrie- und EntwicklungsländerWTO 20233 und 6,5 % des BIP
teilweise Rivalität, Welt, bis 2050WTO 20232,8 % des BIP
Extremfall: Schranken zwischen Blöcken, WeltEZB 2024bis zu 9 % des Welt-BIP
harte Abkopplung von China, Deutschland, dauerhaftKiel 20241 bis 2 % der Inlandsverwendung
dieselbe, Deutschland, erste MonateKiel 20244 bis 5 %

Quellen: IWF SDN/2023/001; IWF-Blog zu WEO April 2023, Kapitel 4; WTO, World Trade Report 2023, Abbildung D.4; EZB Occasional Paper 365; Kiel Policy Brief 170. Zusammenstellung: Helfen statt Blockieren, daten/werte_berichte.csv.

Für Deutschland hat das Kiel Institut 2024 eine harte, plötzliche Abkopplung von China durchgerechnet: In den ersten Monaten rund 5 Prozent, im ersten Jahr rund 4 Prozent der inländischen Verwendung, also von Konsum und Investitionen, dauerhaft 1 bis 2 Prozent. Weniger harte Wege, etwa nur Hochtechnologie abzuschirmen, kosteten weniger.

Kurze Frist: Schocks des Jahres 2026

Im April 2026, nach Beginn des Krieges am Golf, rechnete der IWF zwei Szenarien. Im ungünstigen (Öl 80 Prozent teurer) wäre das Weltwachstum 2026 um 0,8 Prozentpunkte auf 2,5 Prozent gefallen, im schweren (Öl plus 100, Gas plus 200 Prozent) um 1,3 Punkte, auf rund 2 Prozent; der IWF nannte das „knapp“ vor einer weltweiten Rezession. Die Weltbank kam im Juni für einen Fall mit Energie- und Finanzstress auf nur 1,3 Prozent (zu Marktwechselkursen gerechnet, deshalb niedriger als beim IWF). Eingetreten ist bisher keines davon: Im Oktober erwartet der IWF für 2026 3,1 Prozent, die OECD im September 2,9 Prozent.

Kurze Frist: Was der IWF im April für möglich hielt und was er im Oktober erwartet

Wachstum der Weltwirtschaft in Prozent. Ausgangslage aus den Abständen der Szenarien zurückgerechnet (2,5 plus 0,8; 3,0 plus 0,2); schweres Szenario 2026 nach dem Vorwort „rund 2 Prozent“.

Fall20262027
Ausgangslage Januar 20263,33,2
ungünstiges Szenario (Öl plus 80 %)2,53,0
schweres Szenario (Öl plus 100 %, Gas plus 200 %)2,02,2
tatsächliche Prognose Oktober 20263,13,4

Quellen: IWF, World Economic Outlook April 2026, Kapitel 1, Seiten 7 bis 10 und Vorwort; IWF, World Economic Outlook Oktober 2026, Tabelle 1.1.

Auch nach oben gibt es Spielraum: Ein stärkerer Ausbau künstlicher Intelligenz könnte das Welt-BIP nach dem IWF bis 2029 um 0,6 Prozent erhöhen. Die Risiken nach unten nennt der IWF im Oktober (neue Zölle, längerer Krieg, Rückschlag bei Investitionen in künstliche Intelligenz, Neubewertung an den Finanzmärkten), beziffert sie im Haupttext aber nicht.

Die Richtung: eine mehrpolige Welt

Unabhängig von Szenarien verschiebt sich das Gewicht. Gemessen an der Kaufkraft stieg Chinas Anteil an der Weltwirtschaft von 3,6 Prozent (1990) auf 19,9 Prozent (2026), Indiens von 3,4 auf 8,6 Prozent. Die USA fielen von 21,7 auf 14,6 Prozent, die EU von 25,0 auf 13,8 Prozent, Deutschland von 6,4 auf 2,9 Prozent. Bis 2030 setzt der IWF diese Linien fort. Der IWF schreibt dazu im April 2026, die Welt müsse nicht fragmentierter werden, auch wenn sie mehrpolig werde.

Die Welt wird mehrpolig: Anteile an der Weltwirtschaft

Anteil am Bruttoinlandsprodukt der Welt zu Kaufkraftparitäten, in Prozent; 2030 Prognose des IWF.

JahrChinaUSAEUIndien
19903,621,725,03,4
20006,720,421,63,9
201012,817,117,65,3
202018,415,315,26,8
202519,614,614,08,2
2030 (Prognose)20,313,912,99,9

Quelle: IWF DataMapper, Reihe PPPSH (WEO Oktober 2026), abgerufen am 3.11.2026; daten/ergebnis_iwf_anteil_kkp.csv.

Drei Wege, wie die WTO sie beschreibt

  • Volle Rivalität: Alle Länder schließen sich einem von zwei Blöcken an. Höchste Kosten, vor allem für Entwicklungsländer.
  • Teilweise Rivalität: Zwei Blöcke, aber viele Länder bleiben neutral und handeln mit beiden. Geringere Kosten; die neutralen ärmsten Länder könnten gewinnen.
  • Wiederbelebung des Multilateralismus: Zollerhöhungen werden zurückgenommen, Hürden für Waren und Dienste gesenkt, die Unsicherheit sinkt. Nach der WTO stünden dann alle Volkswirtschaften auf Dauer besser da als in jedem Fragmentierungsfall.

Welcher Weg eintritt, entscheiden Regierungen, nicht Modelle. Was die Daten zeigen: Die Welt bewegt sich derzeit zwischen dem ersten und dem zweiten Weg. Der Handel zwischen den beiden gedachten Blöcken wuchs seit Beginn des Krieges in der Ukraine nach der WTO um 4 bis 6 Prozent langsamer als der Handel innerhalb der Blöcke, aber er wächst. Und die Zahl regionaler Abkommen steigt (Weltbank).

Zwei Lesarten

Was gegen Alarm spricht

  • Die Modelle sind vorsichtig: Viele unterstellen, dass Firmen Lieferanten nur schwer ersetzen. In der Wirklichkeit haben sie umgelenkt, der Handel wuchs 2025 um 4,2 Prozent (WTO).
  • Die schweren Szenarien des IWF vom April 2026 sind bisher nicht eingetreten.
  • Sicherheit hat einen Preis, den Regierungen bewusst zahlen; ein kleiner Verlust an Wohlstand kann für weniger Erpressbarkeit gewählt werden.

Was für Sorge spricht

  • Kosten der Fragmentierung entstehen langsam und werden spät sichtbar, etwa als fehlende Investitionen und weniger Wissen in ärmeren Ländern (IWF).
  • Die Unsicherheit ist so hoch wie nie seit 1990; sie allein bremst Investitionen, auch ohne neue Zölle.
  • Die Spannen sind breit, aber fast alle Schätzungen zeigen einen Verlust; kein Modell zeigt einen Gewinn für die Welt insgesamt.

Nachrechnen: Die Reihen von IWF, Weltbank und den Unsicherheitsindizes lädt daten/abruf.py; die Auszüge liegen als daten/ergebnis_*.csv bei, die Werte aus Berichten in daten/werte_berichte.csv.

Diese Analyse ist eine Information und keine Rechts-, Steuer- oder Anlageberatung. Sie gibt die Sicht der Redaktion wieder, stellt Argumente beider Seiten dar und macht keine eigene Prognose. „Helfen statt Blockieren“ ist überparteilich.

Quellen

Alle Online-Quellen abgerufen am 3. November 2026. Sekundärquellen sind gekennzeichnet; die Zahlen dort stammen vom genannten Herausgeber.

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