Helfen statt Blockieren

Wirtschaft, Analyse

Was braucht der Weltmarkt?

· Redaktion Helfen statt Blockieren

Der Welthandel wächst trotz Zöllen, Sanktionen und Krieg am Golf: 2025 erreichte er nach UNCTAD 35 Billionen US-Dollar, die WTO erwartet für 2026 ein Plus von 3,9 Prozent beim Warenvolumen. Zugleich ist die weltweite Unsicherheit so hoch wie nie seit Beginn der Messung. Was der Weltmarkt jetzt braucht, sagen die Daten ziemlich deutlich: Regeln, die gelten, offene Rohstoffwege, Geld, das ankommt, und Investitionen, die nicht nur in reiche Länder fließen.

35 Bio. $Welthandel mit Waren und Dienstleistungen 2025, ein RekordUNCTAD, 9.10.2026
+3,9 %Warenhandel 2026 nach Volumen, PrognoseWTO, Oktober 2026
72 %des Warenhandels laufen weiter zu WTO-BedingungenWTO-Generaldirektorin, Oktober 2026
296Unsicherheitsindex 2026, Durchschnitt 1990 bis 2019 = 100World Uncertainty Index

Der Handel wächst, aber schief

Die WTO hat ihre Prognose im Oktober 2026 kräftig angehoben: Das Volumen des Warenhandels wuchs 2025 um 4,2 Prozent und soll 2026 um 3,9 Prozent, 2027 um 4,1 Prozent wachsen. Im März hatte sie für 2026 noch 1,9 Prozent erwartet. Der Grund ist schmal: Güter für künstliche Intelligenz, also Chips, Server und Zubehör, machten im ersten Halbjahr 2026 14,8 Prozent des Warenhandels aus und trugen rund 47 Prozent seines Wachstums. Zehn Länder bestreiten etwa 85 Prozent dieser Ausfuhren. Wer solche Güter nicht herstellt, hat vom Aufschwung wenig.

Auch geografisch ist das Bild ungleich. Asiens Ausfuhr wächst 2026 nach der WTO um 9,9 Prozent, Europas stagniert (minus 0,1 Prozent), die des Nahen Ostens bricht um 17,2 Prozent ein, weil die Straße von Hormus über Monate kaum passierbar war. Der Handel zwischen den USA und China ist nach UNCTAD seit 2024 um mehr als ein Fünftel gefallen; die US-Einfuhr aus China sank 2025 um 29 Prozent, Chinas Anteil an der US-Einfuhr von 13,8 auf 9,3 Prozent (WTO).

Wo der Warenhandel 2026 wächst und wo er schrumpft

Ausfuhrvolumen nach Regionen, Veränderung gegen 2025 in Prozent, Prognose der WTO vom Oktober 2026. Welt: +3,9 Prozent.

RegionAusfuhrvolumen 2026
Asien+9,9 %
Nordamerika+5,7 %
Afrika+5,6 %
Südamerika+3,4 %
Europa−0,1 %
GUS−3,9 %
Naher Osten−17,2 %

Quelle: WTO, Global Trade Outlook and Statistics, Update Oktober 2026, Tabelle der Regionen.

Über lange Zeit gesehen stagniert die Verflechtung: Der Welthandel entsprach 2008 nach der Weltbank 60,3 Prozent der Weltwirtschaftsleistung, 2024 56,7 Prozent. Die Globalisierung ist also nicht zurückgedreht, aber sie wächst seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr schneller als die Wirtschaft selbst.

Das größte Hemmnis: Unsicherheit

Firmen können mit hohen Zöllen rechnen, schlechter mit wechselnden. Der World Uncertainty Index, der Länderberichte aus 143 Staaten auswertet, lag 2025 im Jahresmittel bei 294 und in den ersten drei Quartalen 2026 bei 296, wenn man den Durchschnitt der Jahre 1990 bis 2019 gleich 100 setzt. So hoch war er in keinem Jahr seit Beginn der Reihe, auch nicht in der Pandemie (2020: 173). Ein zweiter Maßstab, der Index der Federal Reserve zur Unsicherheit über Handelspolitik, der Berichte in sieben großen US-Zeitungen zählt, lag 2025 im Mittel bei 538; in den Jahren 2010 bis 2014 waren es meist 24 bis 30. Für 2026 zeigt er bis Oktober 253, weniger als 2025, aber noch ein Vielfaches früherer Jahre.

Unsicherheit in der Weltwirtschaft, 1995 bis 2026

World Uncertainty Index, weltweiter Durchschnitt von 143 Ländern, Jahresmittel; Durchschnitt 1990 bis 2019 = 100. 2026: erste drei Quartale.

JahrIndex
199565
199672
199767
199886
199975
200077
200191
200289
2003104
200487
200591
200689
200786
200884
200988
201096
2011112
2012143
2013143
2014126
2015149
2016176
2017154
2018126
2019169
2020173
2021138
2022150
2023132
2024112
2025294
2026 (drei Quartale)296

Quelle: Ahir, Bloom und Furceri, World Uncertainty Index, über FRED (WUIGLOBALSMPAVG), abgerufen am 3.11.2026. Jahresmittel und Umrechnung: Helfen statt Blockieren, daten/ergebnis_wui_jahr.csv.

Der IWF beschreibt die Lage im April 2026 ähnlich: Die Unsicherheit liege unter den Spitzen von 2025, sei aber „historisch“ hoch. Die Zollsätze selbst sind wieder gesunken. Die Weltbank schätzt den durchschnittlichen effektiven Zollsatz der USA im Juni 2026 auf etwa 12 Prozent, nach etwa 14 Prozent zu Jahresbeginn; Anlass war das Urteil des Supreme Court vom Februar 2026 gegen die Zölle nach dem Notstandsgesetz. Wie viele neue Schranken weltweit dazukommen, zählt Global Trade Alert; die Zahlen dazu stehen auf der Seite Wirtschaftsraum gegen Wirtschaftsraum.

Was der Weltmarkt braucht

Regeln, die gelten

Die WTO-Generaldirektorin Ngozi Okonjo-Iweala nannte im Oktober 2026 die Lage die schwerste Störung des Handels seit 80 Jahren und zugleich einen Befund, der oft untergeht: 72 Prozent des Warenhandels laufen weiter zu WTO-Bedingungen. Die Regeln tragen also noch. Ihre Durchsetzung nicht: Seit Dezember 2019 hat die Berufungsinstanz der WTO nicht mehr die nötigen drei Mitglieder, weil die USA Neubesetzungen blockieren. Wer einen Streit verliert, kann „ins Leere“ Berufung einlegen und das Urteil so aufhalten. Als Ersatz haben die EU und weitere Mitglieder 2020 eine Übergangslösung für Berufungen geschaffen (MPIA); nach Angaben, die Wikipedia dem Außenministerium Singapurs zuschreibt, gehörten ihr im April 2026 59 der 166 WTO-Mitglieder an. Die USA gehören nicht dazu.

Parallel wachsen regionale Abkommen. Nach der Weltbank stieg ihre Zahl von gut 300 im Jahr 2020 auf fast 400; sie decken heute 60 Prozent des Welthandels ab, 1990 waren es 40 Prozent. Das ist Öffnung, aber in Gruppen, und wer in keiner Gruppe ist, bleibt draußen.

Offene Rohstoffwege

Ohne Kobalt, Grafit, Mangan und Seltene Erden laufen weder Batterien noch Windräder noch Chipfabriken. Die OECD zählt seit 2009 die Ausfuhrbeschränkungen für kritische Rohstoffe: Sie haben sich bis 2024 etwa verfünffacht. Im Schnitt der Jahre 2022 bis 2024 unterlagen 16 Prozent des Welthandels mit diesen Rohstoffen einer Beschränkung, bei Kobalt 67 Prozent, bei Mangan 66 Prozent, bei Naturgrafit 47 Prozent und bei Seltenen Erden 45 Prozent. Wie China seine Kontrollen seit 2023 ausgebaut und teils ausgesetzt hat, steht im Magazinkapitel Blockaden der Weltwirtschaft.

Geld, das ankommt

Handel braucht Finanzierung. Die Asiatische Entwicklungsbank beziffert die Lücke bei der Handelsfinanzierung 2025 auf 2,5 Billionen US-Dollar, etwa ein Zehntel des Welthandels; 41 Prozent der Anträge kleiner und mittlerer Firmen wurden abgelehnt. Was das für Firmen heißt und warum Korrespondenzbanken sich zurückziehen, behandelt die Analyse Was braucht die Wirtschaft?.

Investitionen für alle Weltregionen

Die ausländischen Direktinvestitionen stiegen 2025 nach UNCTAD um 6 Prozent auf 1,6 Billionen US-Dollar, aber ungleich: in Industrieländer plus 11 Prozent, in Entwicklungsländer plus 2 Prozent, nach Afrika minus 26 Prozent auf 70 Milliarden US-Dollar (nach einem Ausnahmejahr 2024). UNCTAD nennt Investitionsprüfungen und Lieferkettenauflagen als Hürden, die Entwicklungsländern den Weg in neue Branchen versperren.

Arbeit, die am Handel hängt

Nach der Internationalen Arbeitsorganisation hängen weltweit 465 Millionen Arbeitsplätze am Handel, mehr als die Hälfte in Asien und im Pazifikraum. Die ILO schreibt, Unsicherheit über Handelsregeln und Engpässe in Lieferketten drückten bereits auf die Löhne, besonders in Süd- und Südostasien und in Europa.

Zwei Lesarten

Was für Gelassenheit spricht

  • Der Handel wächst trotz allem: 4,2 Prozent mehr Warenvolumen 2025 und 3,9 Prozent 2026 (WTO). Firmen haben Lieferwege umgelenkt, das hat den kurzfristigen Schaden höherer Schranken gedämpft (IWF, Oktober 2026).
  • Das Handelsrecht selbst erlaubt Schutz: Artikel XXI des GATT lässt Maßnahmen zu, die ein Staat für seine wesentlichen Sicherheitsinteressen für nötig hält. Ausfuhrkontrollen für Rüstungs- und Spitzentechnik stützen sich darauf.
  • Regionale Abkommen öffnen Märkte, wo die WTO stockt: fast 400 Abkommen, 60 Prozent des Welthandels (Weltbank).

Was dagegen spricht

  • Der Aufschwung ruht auf einer Gütergruppe; ein Rückschlag bei Investitionen in künstliche Intelligenz würde den Handel stark treffen (WTO, ohne Zahl).
  • Doppelte Lieferketten kosten auf lange Sicht, auch wenn sie kurzfristig schützen (IWF, Oktober 2026).
  • Ohne funktionierende Berufungsinstanz sind Regeln weniger wert; kleine Länder können ihr Recht schwerer durchsetzen als große.

Nachrechnen: Die Reihen von IWF, Weltbank und den Unsicherheitsindizes lädt daten/abruf.py; die Auszüge liegen als daten/ergebnis_*.csv bei, die Werte aus Berichten in daten/werte_berichte.csv.

Diese Analyse ist eine Information und keine Rechts-, Steuer- oder Anlageberatung. Sie gibt die Sicht der Redaktion wieder, stellt Argumente beider Seiten dar und macht keine eigene Prognose. „Helfen statt Blockieren“ ist überparteilich.

Quellen

Alle Online-Quellen abgerufen am 3. November 2026. Sekundärquellen sind gekennzeichnet; die Zahlen dort stammen vom genannten Herausgeber.

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