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Wer trägt die Kosten? Sanktionen und der Globale Süden

· Redaktion Helfen statt Blockieren

Die meisten Sanktionen werden in Washington, Brüssel und New York beschlossen. Viele der Menschen, die mit ihren Folgen leben, wohnen in Lateinamerika, Afrika, Asien und dem Nahen Osten. Wie groß die Kosten sind, ist in der Forschung umstritten. Sicher ist, wo sie anfallen: beim Geld, das Familien schicken, bei Medikamenten, bei Löhnen und Lebensmitteln.

54Länder standen nach einer Zählung von 2024 unter Sanktionen, rund 27 Prozent aller Länder mit 29 Prozent der WeltwirtschaftRodríguez, Journal of Economic Studies, 2024
564 Tsd.Todesfälle im Jahr (genau 564.258) bringt eine Studie mit Sanktionen einzelner Staaten in Verbindung; Spanne 367.838 bis 760.677Lancet Global Health, August 2025
3,5 Mrd.US-Dollar der eingefrorenen Reserven Afghanistans durften 2022 in einen Fonds in Genf fließenUS-Finanzministerium, 14.9.2022
4,3 Mio.Menschen in Niger brauchten im Dezember 2023 dringend Hilfe, während Sanktionen der westafrikanischen Gemeinschaft galtenOxfam, 12.12.2023

Wer unter Sanktionen steht

Der Ökonom Francisco Rodríguez hat in einer 2024 erschienenen Studie gezählt, wie viele Länder von Sanktionen betroffen sind: 54, rund 27 Prozent aller Länder, die zusammen 29 Prozent der Weltwirtschaft ausmachen. In den 1960er Jahren waren es etwa 4 Prozent der Länder. Auch die Zahl der Fälle ist gestiegen: Die Global Sanctions Data Base zählt für 2023 615 aktive Sanktionsfälle, nach 181 im Jahr 2010; 46,5 Prozent davon gingen von den USA aus. Hinter jedem Fall stehen Länder, deren Krankenhäuser, Schulen und Werkstätten anders einkaufen, bezahlen und planen müssen. Von 31 quantitativen Studien, die er auswertet, fanden 30 negative Folgen für Einkommen, Armut, Ungleichheit, Sterblichkeit oder Menschenrechte. Wie sich die Zahl der Sanktionen seit 1950 entwickelt hat und wer sie verhängt, zeigt der Leitartikel „Wer blockiert wen“.

Die Streitfrage: wie viele Tote?

Im August 2025 erschien in The Lancet Global Health eine Studie von Francisco Rodríguez, Silvio Rendón und Mark Weisbrot. Sie wertet Sterberaten nach Alter in 152 Ländern von 1971 bis 2021 aus und nutzt mehrere Verfahren, um Ursache und Zufall zu trennen. Ihr Ergebnis: Sanktionen einzelner Staaten gehen mit rund 564.258 zusätzlichen Todesfällen im Jahr einher, mit einer Spanne von 367.838 bis 760.677, am stärksten bei Kindern unter fünf Jahren. Für UN-Sanktionen fanden die Autoren keinen statistischen Nachweis.

Die Zahl ist ernst zu nehmen und mit Vorsicht zu lesen. Sie beruht auf Beobachtungsdaten; Länder, die sanktioniert werden, sind oft schon in Krise oder Krieg. Die Studie wurde vom Center for Economic and Policy Research finanziert, dessen Ko-Direktor Weisbrot ist und das Sanktionen seit Jahren kritisiert. Und sie steht im Widerspruch zu einer anderen begutachteten Studie: Gutmann, Neuenkirch und Neumeier fanden 2021, dass UN-Sanktionen die Lebenserwartung deutlich stärker senken als US-Sanktionen, und Frauen stärker als Männer. Die meisten Studien finden, dass Sanktionen der Gesundheit schaden; wie stark und welche Sanktionen am meisten, ist nicht geklärt. Eine Übersicht in BMJ Open vom Oktober 2026 fand in 42 von 43 Studien zu US-Sanktionen Schäden, nannte die Qualität der Studien aber wechselnd.

Der Weg des Geldes

Für viele Familien im Süden ist Geld von Verwandten im Ausland das wichtigste Einkommen. 2024 erreichten Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen nach Schätzung der Weltbank 685 Milliarden US-Dollar, am meisten Südasien und Lateinamerika. Wo Sanktionen gelten, wird dieser Weg schmaler und teurer: Banken ziehen sich zurück, Transferdienste verlieren ihre Konten. Warum, beschreibt der Artikel „Banken weltweit“.

Rücküberweisungen in Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen, 2024

Milliarden US-Dollar je Region, Schätzung der Weltbank. Zusammen 685 Milliarden US-Dollar.

RegionMrd. US-Dollar
Südasien207
Lateinamerika und Karibik163
Ostasien und Pazifik136
Europa und Zentralasien64
Naher Osten und Nordafrika58
Afrika südlich der Sahara56

Quelle: Ratha, Plaza, Kim, Weltbank-Blog „People Move“, 18.12.2024, Tabelle 1 (Schätzung 2024). Datei daten/weltbank_rueckueberweisungen_2024.csv.

Fälle aus vier Weltregionen

Afghanistan zeigt, wie schnell Löhne ausfallen, wenn Geld stoppt. Nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021 endeten Zahlungen von Entwicklungsagenturen und Finanzinstitutionen; das Rote Kreuz übernahm die Gehälter von fast 10.500 Beschäftigten in 33 Krankenhäusern. Von den eingefrorenen Reserven der Zentralbank genehmigten die USA im September 2022 bis zu 3,5 Milliarden US-Dollar für einen Fonds in Genf, der gezielt zahlen soll, etwa für Stromimporte.

Niger zeigt, dass Sanktionen kein Werkzeug nur des Nordens sind. Nach dem Putsch im Juli 2023 verhängte die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS Sanktionen und schloss Grenzen. Das UN-Flüchtlingshilfswerk warnte, die Sanktionen hätten keine humanitäre Ausnahme. Oxfam zählte im Dezember 2023 mehr als 4,3 Millionen Menschen in dringender Not und 185.000 Kinder, die keine Behandlung gegen Mangelernährung mehr erreichten. Im Februar 2024 hob die Gemeinschaft die Sanktionen auf.

Syrien ist der Fall, an dem sich nun zeigt, was nach Sanktionen kommt. Die USA hoben ihr Sanktionsprogramm am 30. Juni 2025 auf und schafften im Dezember 2025 das Caesar-Gesetz ab. Präsident Ahmad al-Scharaa sprach vom „ersten Tag, an dem Syrien ohne Sanktionen ist“. Ob und wie schnell sich Versorgung und Löhne erholen, lässt sich noch nicht belegen.

Medizin und Lebensmittel: erlaubt, aber schwer zu bekommen

Fast überall sind Lebensmittel und Medikamente ausgenommen, und trotzdem fehlen sie. Human Rights Watch dokumentierte 2019 für Iran, dass ein europäischer Hersteller den Verkauf spezieller Wundauflagen für etwa 800 Menschen mit der Hautkrankheit Epidermolysis bullosa einstellte und einem Kinderkrebszentrum im Mai 2019 drei Chemotherapeutika der WHO-Liste fehlten. In Venezuela schrieben Mark Weisbrot und Jeffrey Sachs den US-Sanktionen ab 2017 Zehntausende Todesfälle zu; Ricardo Hausmann und Frank Muci hielten dagegen, Ölförderung und Einfuhren von Lebensmitteln und Medikamenten seien schon vor den Sanktionen eingebrochen, die Einfuhren um mehr als 80 Prozent. Der Streit zeigt, wie schwer sich Sanktionen und Misswirtschaft trennen lassen. Warum Erlaubtes trotzdem hängen bleibt, beschreibt der Leitartikel „Erlaubt und trotzdem blockiert“.

Fälle aus vier Weltregionen
Region und FallMaßnahmeBelegte FolgeWas dagegen oder daneben steht
AfghanistanMittel von Gebern und Finanzinstitutionen gestoppt, Reserven eingefroren (2021)IKRK zahlte Gehälter von fast 10.500 Beschäftigten in 33 KrankenhäusernTeil der Reserven seit 2022 in einem Fonds für gezielte Zahlungen; UN-Ausnahme für Hilfe seit Dezember 2021
NigerSanktionen der westafrikanischen Gemeinschaft nach dem Putsch (2023)UNHCR: keine humanitäre Ausnahme; Oxfam: 185.000 Kinder ohne Zugang zur Behandlung von MangelernährungAntwort auf einen Putsch; Sanktionen am 24.2.2024 aufgehoben
SyrienUmfassende US- und EU-Sanktionen seit 2011Nach dem Erdbeben 2023 eigene Generallizenz der USA für 180 TageProgramm der USA am 30.6.2025 aufgehoben, Caesar-Gesetz im Dezember 2025 abgeschafft
IranUS-Sanktionen, verschärft 2018HRW: Spezialverbände für etwa 800 Kranke nicht mehr geliefert, Chemotherapeutika fehlten (2019)USA begründen mit Atom- und Raketenprogramm; Lebensmittel und Medizin formal ausgenommen
VenezuelaUS-Finanz- und Ölsanktionen ab 2017 und 2019Umstritten: CEPR schrieb Zehntausende Todesfälle zuHausmann und Muci: Ölförderung und Einfuhren brachen schon vor den Sanktionen ein
KubaUS-Embargo, 2026 verschärftWestern Union eingestellt (2025), nach Angaben rund 200 Banken abgesprungenZahlungsweg über Firmen unter militärischer Kontrolle; 1.351 politische Gefangene (September 2026)

Quellen: siehe Quellenliste; für Iran und Venezuela die Kapitel der Tiefenrecherche auf dieser Website.

Kuba: dieselbe Rechnung, zwei Verantwortliche

Für Kuba gilt, was die Tabelle für Lateinamerika zeigt: Das US-Embargo erschwert Zahlungen, Einfuhren und Kredite; nach Angaben an die UN-Sonderberichterstatterin haben rund 200 ausländische Banken ihre Beziehungen beendet. Zugleich hat die kubanische Führung den Zahlungsweg für Rücküberweisungen über Firmen gelegt, die nach Presseberichten militärisch kontrolliert sind, und sie verfolgt Kritiker: 1.351 politische Gefangene im September 2026 nach Prisoners Defenders. Die Bevölkerung sank nach der Statistikbehörde bis Ende 2025 auf 9,4 Millionen. Einzelheiten stehen im Leitartikel „Kuba 2026 als Fall“ und im Themenblatt „Migration als Folge“.

Zwei Sichtweisen

Was die Verhängenden sagen

Sanktionen antworten auf Krieg, Putsch, Atomprogramme oder schwere Menschenrechtsverletzungen; die Alternative sei oft nicht Handel, sondern militärische Gewalt oder Wegsehen.

Fast alle Programme nehmen Lebensmittel und Medizin aus. Ökonomen wie Hausmann und Muci argumentieren, in Venezuela seien Ölförderung und Einfuhren schon vor den Sanktionen eingebrochen.

Was Betroffene und Kritiker sagen

Ausnahmen auf dem Papier helfen wenig, wenn Banken und Lieferanten sich zurückziehen; das trifft Menschen, nicht Regierungen.

Die UN-Sonderberichterstatterin Alena Douhan schrieb 2025, De-Risking und Überbefolgung hätten die humanitäre Lage in Kuba erheblich verschärft. Die UN-Generalversammlung forderte 2026 zum 34. Mal ein Ende des Embargos; 130 Staaten stimmten dafür, 17 dagegen.

Dieser Beitrag ist eine Information und keine Rechts-, Anlage- oder Gesundheitsberatung. Er stellt keine Diagnosen. Er gibt die Sicht der Redaktion wieder, stützt sich auf die genannten Quellen und nennt Gegenpositionen. „Helfen statt Blockieren“ ist überparteilich.

Quellen

Alle Online-Quellen abgerufen am 3. November 2026. Datendateien zum Nachrechnen: daten/ dieser Reihe.

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