Helfen statt Blockieren

Wissen, Leitartikel

Wer blockiert wen, und warum es mehr wird

· Redaktion Helfen statt Blockieren

1950 waren weltweit 18 Sanktionsfälle in Kraft, 2023 waren es 615. Die meisten verhängen die USA, doch auch die EU, das Vereinigte Königreich, Russland und China sanktionieren mehr als früher. Dieser Leitartikel ordnet die Zeitreihe ein: wer sanktioniert, womit, wofür, ob es wirkt und was die Zahl nicht sagt.

Wissen in sieben Schritten: Schritt 1

Was hier gezählt wird

Sanktion, Embargo, Blockade: Die Wörter überschneiden sich. Eine Sanktion ist eine Maßnahme eines Staates oder einer Organisation gegen ein Land, eine Firma oder eine Person, etwa ein Ausfuhrverbot, eine Vermögenssperre oder ein Einreiseverbot. Ein Embargo sperrt den Handel mit einem Land ganz oder in großen Teilen. Sekundärsanktionen drohen auch Firmen in Drittstaaten. „Blockade“ nutzt diese Website als Oberbegriff für alles, was Handel, Zahlungen oder Reisen zwischen Menschen sperrt, die selbst nichts entschieden haben. Die kubanische Regierung spricht vom „bloqueo“, die Vereinten Nationen vom Embargo; wir schreiben „US-Embargo“. Eine kurze Einführung steht unter Was eine Blockade ist.

615Sanktionsfälle in Kraft 2023, gegen 18 im Jahr 1950GSDB R4, eigene Auswertung
121neue Fälle im Jahr 2023, so viele wie nie zuvorGSDB R4, eigene Auswertung
46,5 %Anteil der USA an allen aktiven Fällen 2023GSDB R4, eigene Auswertung
4,2 : 1neue schädliche gegen öffnende Handelsmaßnahmen, Schnitt 2020 bis 2025Global Trade Alert, Stand 2.11.2026

Eine Zeitreihe in drei Abschnitten

Die Global Sanctions Data Base (GSDB) zählt für 1950 18 Fälle in Kraft, für 1990 136, für 2010 181 und für 2023 615. Bis 1989 wuchs der Bestand gleichmäßig um rund 2,6 Fälle je Jahr. Von 1990 bis 2009 blieb er fast flach: Viele Fälle des Kalten Krieges endeten, während vor allem die Vereinten Nationen und die EU neue verhängten. Die Gerade, die am besten passt, knickt 2018 ab (verlangt man nach dem Knick nur drei statt fünf Jahre, 2019); von 2019 bis 2023 kamen im Trend rund 88 Fälle je Jahr hinzu. Die Autorinnen und Autoren der Datenbank erklären das damit, dass kaum Sanktionen aufgehoben und zugleich viele neue verhängt wurden, ab 2022 vor allem gegen Russland und Belarus.

Aktive Sanktionsfälle je verhängendem Akteur, 1950 bis 2023

Zahl der in einem Jahr geltenden Fälle. Die EU erscheint als gemeinsamer Sender ab 1978. „Andere“ umfasst alle übrigen Staaten, darunter Vereinigtes Königreich, Russland, China, Kanada und Japan.

JahrUSAEUUNAndere
195060012
195190214
195290216
195380216
1954100123
195590120
1956110118
1957120120
1958130121
1959120120
1960150121
1961160122
1962210124
1963250232
1964240231
1965220337
1966200539
1967200540
1968240642
1969230643
1970230641
1971230638
1972200635
1973180654
1974190659
1975230548
1976260446
1977360549
1978381455
1979412459
1980390249
1981432250
1982434266
1983403262
1984382360
1985392349
1986415452
1987474458
1988464460
1989515464
1990568666
19915210866
199255171277
199358171478
199459181665
199560161156
199661201454
199763221552
199864241750
199959271647
200057262046
200159252143
200257261834
200369291740
200464261536
200556271944
200660262251
200760252250
200862252149
200962312159
201061292566
201172382780
201281423086
201387453283
2014895235100
201583483789
201685463694
201791383182
2018101363184
2019124352983
2020146412989
20211804729144
20222255530190
20232866729233

Quelle: GSDB Release 4, Abbildungen 1 und 5b, digitalisiert von Helfen statt Blockieren; Jahreswerte in wirtschaftsblockaden/daten/gsdb_r4_jahr.csv. Werte je Akteur gerundet.

Wer sanktioniert

Die USA sind über den ganzen Zeitraum der größte einzelne Sender. Ihr Anteil an allen aktiven Fällen lag 2014 bei 32,1 Prozent, 2020 bei 47,7 und 2023 bei 46,5 Prozent; seit 2018 kamen im Trend rund 37 Fälle je Jahr hinzu. Viele davon richten sich gegen Personen und Firmen, nicht gegen ganze Volkswirtschaften. Die EU erscheint als gemeinsamer Sender ab 1978 und hatte 2023 67 aktive Fälle. Die Vereinten Nationen sanktionierten vor 1990 selten; ihr Bestand stieg bis 2015 auf 37 und sinkt seither, weil Vetos im Sicherheitsrat neue Beschlüsse verhindern, etwa nach dem Putsch in Niger 2023. Die übrigen Staaten wachsen seit 2018 ebenso steil wie die USA; die Datenbank nennt russische Gegensanktionen nach dem Angriff auf die Ukraine und eigene Sanktionen des Vereinigten Königreichs nach dem Brexit.

„Wer blockiert wen“ ist deshalb keine Einbahnstraße. Russland verbietet seit 2014 die Einfuhr von Lebensmitteln aus allen EU-Staaten und hat das Verbot bis Ende 2028 verlängert; China führt auf seinen Listen für Gegenmaßnahmen und Ausfuhrkontrollen auch Einrichtungen aus der EU, am 24. Juli 2026 etwa 14. Beides zeigt die Weltkugel „Wer sanktioniert wen“ mit Quelle je Eintrag: Stand 3. November 2026 sind es 19 Akteure und 347 Einträge zu 85 Ländern und Gebieten. Für China fehlt in älteren Datensammlungen vieles: Eine eigene Sammlung zählt 135 Episoden mit China als Sender von 1949 bis 2020, mehr als 70 Prozent davon standen in keinem früheren Datensatz.

Womit sanktioniert wird

1950 waren 61,9 Prozent aller Maßnahmen Handelssanktionen, 2023 nur noch 21,2 Prozent, obwohl ihre Zahl stieg. Gewachsen sind Finanzsanktionen, also eingefrorene Vermögen und verbotene Geschäfte mit Banken, auf 36,4 Prozent, und Reisebeschränkungen gegen Personen, von 4,4 Prozent im Jahr 1990 auf 22,1 Prozent. Die Forschung sieht darin den Wechsel von umfassenden zu gezielten Maßnahmen. Für Unbeteiligte heißt das: Die Sperre steckt heute seltener im Zoll und öfter im Zahlungsverkehr. Warum das erlaubte Geschäfte trifft, erklärt der Leitartikel „Erlaubt und trotzdem blockiert“.

Womit sanktioniert wird: Anteile der Maßnahmearten

Prozent aller aktiven Maßnahmen im Jahr. Ein Fall kann mehrere Arten haben.

Art195019902023
Handel61,9 %24,3 %21,2 %
Waffen4,8 %14,1 %7,7 %
Militärhilfe0,0 %12,6 %6,4 %
Finanzen9,6 %33,0 %36,4 %
Reisen9,5 %4,4 %22,1 %
andere14,3 %11,7 %6,2 %

Quelle: GSDB Release 4, Abbildung 2, digitalisiert von Helfen statt Blockieren (Genauigkeit etwa zwei Fälle).

Wofür sanktioniert wird

Die Charta der Vereinten Nationen sieht in Artikel 41 Maßnahmen ohne Waffengewalt vor, darunter die Unterbrechung der Wirtschaftsbeziehungen; erst wenn sie nicht genügen, folgt Artikel 42. Sanktionen sind also als Mittel vor dem Krieg gedacht, deshalb steht im Bereich Wissen auch die Seite Kriege und Konflikte seit 1926. Die Anlässe haben sich verschoben: Menschenrechte wurden in den 1970er Jahren ein großes Thema, seit den frühen 1990er Jahren wachsen Sanktionen gegen Krieg und Terrorismus. Bei Hufbauer und Mitautoren nennen von 1990 bis 2000 13 von 53 neuen Fällen Demokratie als Ziel, vor 1990 waren es 2 von 121. Die Staaten, die sanktionieren, begründen ihre Maßnahmen mit dem Verhalten der Gegenseite: Atom- und Raketenprogramme, Angriffskriege, Repression. Die betroffenen Regierungen sprechen von Zwang und Einmischung. Beide Sichten stehen auf der Seite Stimmen nebeneinander. Am Fall Kuba: Die Executive Order 14380 vom Januar 2026 nennt die Nähe der kubanischen Regierung zu Russland, China und Iran sowie Menschenrechtsverletzungen und politische Unterdrückung; Kubas Außenminister sagte am 28. Oktober 2026 vor der Generalversammlung, Kuba verlange, in Frieden gelassen zu werden. Belegt ist beides: das US-Embargo mit seinen Folgen und das Versagen der kubanischen Führung, unter der Prisoners Defenders 1.351 politische Gefangene zählte.

Wirken sie?

Das hängt davon ab, was man als Erfolg zählt. Hufbauer, Schott, Elliott und Oegg werten etwa ein Drittel der Fälle bis 2000 als zumindest teilweise erfolgreich; Pape erkannte bei einer Nachprüfung nur 5 von 115 an; im Datensatz TIES liegen die Werte je nach Definition zwischen 27 und 56 Prozent. Auch der wirtschaftliche Druck ist begrenzt: Der Handel Russlands mit den sanktionierenden Staaten fiel nach 2022 im Mittel um rund 24 Prozent gegenüber dem Handel mit anderen Staaten, weil China, Indien und die Türkei einsprangen. Für die Weltwirtschaft schätzte der Internationale Währungsfonds 2023, ein Zerfall in Blöcke könne langfristig 0,2 bis 7 Prozent der Wirtschaftsleistung kosten.

Was die Zahl nicht sagt

  • Ein Fall sagt nichts über die Härte: Ein umfassendes Embargo zählt wie ein Einreiseverbot gegen eine Person.
  • Die Global Sanctions Data Base zählt in Release 5 1.794 Fälle von 1950 bis Ende 2025; ihre Daten gibt sie nur auf Antrag heraus. Jahreswerte zu aktiven Fällen (etwa 615 im Jahr 2023) stammen aus den veröffentlichten Grafiken von Release 4 und reichen bis 2023. Die Weitergabe der Daten ist untersagt.
  • Die Weltkugel zählt anders als die GSDB, nämlich Programme je Akteur und Land zum heutigen Stand. Die beiden Zahlen ergänzen sich, sie sind nicht zu vergleichen.

Alle Werte, Trends und die Rechnung stehen in der Zeitreihe „Wer sanktioniert seit wann mehr?“. Wie die Blockaden zwischen Wirtschaftsräumen verlaufen, zeigt „Wirtschaftsraum gegen Wirtschaftsraum“.

Dieser Leitartikel ist eine Information und keine Rechtsberatung. Er gibt die Sicht der Redaktion wieder und stützt sich auf die genannten Quellen und die verlinkten Bausteine. „Helfen statt Blockieren“ ist überparteilich.

Quellen

Alle Online-Quellen abgerufen am 3. November 2026.

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