Helfen statt Blockieren

Artikel, Magazin „Blockaden verstehen“

Fall Deutschland: Sanktionen, Gegensanktionen und eine stockende Wirtschaft

· Redaktion Helfen statt Blockieren

Deutschland ist seit 2022 der schwächste große Wachstumsfall der EU. Wie viel davon auf Sanktionen und Gegensanktionen zurückgeht, ist die Frage, die am häufigsten gestellt und am seltensten sauber beantwortet wird. Dieser Beitrag trennt, was belegt ist, von dem, was umstritten bleibt.

−0,7 %BIP je Einwohner, real, 2025 gegen 2019Eurostat
−14,0 %Industrieproduktion 2025 gegen 2018Eurostat
−15,2 %Energieintensive Industrie, März 2026 gegen Februar 2022Destatis
24.064Insolvenzen von Unternehmen 2025Destatis

Gegenüber sich selbst: sechs Jahre fast ohne Wachstum

Das reale BIP lag 2025 nur +0,8 % über 2019, je Einwohner 0,7 % darunter. Die Jahre im Einzelnen: 2022 +1,9 %, 2023 −1,0 %, 2024 0,0 %, 2025 +0,2 % (Eurostat, Stand 22.10.2026, nach Revisionen). Im 3. Quartal 2026 wuchs die Wirtschaft um 0,2 Prozent zum Vorquartal. Die Industrie produziert 14,0 % weniger als 2018. Im Verarbeitenden Gewerbe arbeiteten Mitte 2026 144.100 Menschen weniger als ein Jahr zuvor, in der Autoindustrie 42.300 weniger. 2025 meldeten die Gerichte 24.064 Unternehmensinsolvenzen, so viele wie seit 2014 nicht; die Forderungen sanken aber, es traf also eher kleinere Firmen.

Produktion nach Branchen, 2025 gegen 2021

Veränderung in Prozent, Index der Produktion. Energieintensive Branchen verlieren am meisten.

BrancheVeränderung
Glas, Keramik, Steine−21,3 %
Chemie−21,1 %
Papier−18,8 %
Metallerzeugung−11,2 %
Maschinenbau−8,9 %
Verarbeitendes Gewerbe−6,1 %
Kraftwagen und Teile+7,8 %

Auswertung: Helfen statt Blockieren. Daten: Eurostat sts_inpr_a, 31.10.2026.

Am stärksten verloren die Branchen, die viel Energie brauchen: Chemie, Papier, Glas und Keramik. Strom für Gewerbe kostete in Deutschland im 1. Halbjahr 2021 18,1 Cent je kWh, im 2. Halbjahr 2024 23,6 Cent, im 1. Halbjahr 2026 20,6 Cent.

Strompreis für Gewerbe

Cent je kWh ohne Mehrwertsteuer, Jahresverbrauch 500 bis 2.000 MWh, Halbjahre.

HalbjahrDeutschlandEU
2019-S115,612,2
2019-S216,111,9
2020-S117,812,6
2020-S218,212,6
2021-S118,112,9
2021-S218,614,5
2022-S121,318,4
2022-S220,621,1
2023-S121,921,5
2023-S221,820,0
2024-S123,318,9
2024-S223,619,4
2025-S122,819,0
2025-S222,618,4
2026-S120,618,0

Auswertung: Helfen statt Blockieren. Daten: Eurostat nrg_pc_205, 19.10.2026.

Gegenüber der EU: schwächer beim Wachstum, unauffällig bei Schulden und Insolvenzen

Die EU wuchs 2023 um +0,4 %, 2024 und 2025 um je +1,4 %. Je Einwohner legte sie seit 2019 um +6,0 % zu, Deutschland verlor 0,7 %. Bei den Insolvenzen liegt Deutschland nicht über dem EU-Trend: Der Index stieg von 2019 bis 2025 um +28,6 %, in der EU um +34,7 %. Die Schuldenquote ist mit 62,8 % des BIP niedriger als im EU-Mittel. Der Abstand beim Strompreis zum EU-Durchschnitt ist geschrumpft, aber nicht verschwunden.

Wirtschaftsleistung je Einwohner

Reales BIP je Einwohner, Index 2019 = 100.

JahrDeutschlandEU
201492,990,2
201593,892,2
201695,393,8
201797,996,4
201899,098,3
2019100,0100,0
202096,194,6
2021100,0100,7
2022101,2103,7
202399,3103,6
202499,0104,8
202599,3106,0

Auswertung: Helfen statt Blockieren. Daten: Eurostat nama_10_pc, 22.10.2026.

Gegenüber der Welt: Russland fast weg, China kleiner, USA mit Zöllen

Die Ausfuhr nach Russland betrug 2012 38,0 Milliarden Euro, 2021 26,8 und 2025 6,9 Milliarden. 2021 war Russland damit für 1,9 % der deutschen Ausfuhr gut; der direkte Verlust ist für die Gesamtwirtschaft also klein, für einzelne Firmen und Regionen groß. Nach China sank die Ausfuhr von 106,8 Milliarden Euro (2022) auf 81,2 Milliarden (2025); dahinter stehen Chinas eigene Produktion, schwache Nachfrage und Politik, darunter Exportkontrollen für Seltene Erden. In die USA lieferte Deutschland 2025 mehr als 2021, doch von Januar bis August 2026 lag die Ausfuhr 6,5 Prozent unter 2024; das IW Köln schätzt die Kosten der US-Zölle bei 15 Prozent Basiszoll auf 0,4 Prozent des BIP im Jahresdurchschnitt 2025 bis 2028. Nach Iran halbierte sich die Ausfuhr nach der Rückkehr der US-Sanktionen 2018. Nach Kuba sank sie von 238 Millionen Euro (2017) auf 98 Millionen Euro (2025); dort wirken das US-Embargo und das Versagen der kubanischen Führung zusammen, unter der Prisoners Defenders 1.351 politische Gefangene zählte.

Deutsche Ausfuhr nach Partnern, 2025 gegen 2021

Veränderung in Prozent, nominal.

PartnerVeränderung
Russland−74,2 %
Iran−33,2 %
China−22,3 %
Kuba−13,3 %
USA+19,8 %

Auswertung: Helfen statt Blockieren. Daten: Eurostat Comext DS-045409, 16.10.2026.

Was belegt ist

Russlands Gas fiel 2022 weg; der Gasverbrauch sank um etwa 20 Prozent, die Wirtschaft brach nicht so stark ein wie befürchtet (Moll, Schularick, Zachmann 2023). Die energieintensive Produktion ist seitdem deutlich gesunken und hat sich nicht erholt. Die Ausfuhr nach Russland ist auf ein Viertel gefallen. Nach einer Trendrechnung des IW kosten die Krisen seit 2020 rund 940 Milliarden Euro Wertschöpfung, als Größenordnung zu lesen.

Was umstritten ist

Wie teuer der Gasstopp war: Vorab rechneten Ökonominnen und Ökonomen mit 0,5 bis 3 Prozent des BIP, Studien im Auftrag von Verbänden mit 6 bis 12 Prozent. Kritiker der niedrigen Zahlen verweisen auf die dauerhaft geringere Industrieproduktion. Ob die Schwäche vor allem aus Energiepreisen oder aus Strukturproblemen kommt: Der Sachverständigenrat nennt schwache private Investitionen, geringe Produktivität und hohe Unternehmenssteuern; die Bundesbank schätzt das Potenzialwachstum auf 0,3 bis 0,4 Prozent im Jahr. 2026 kam ein neuer Energiepreisschock durch den Krieg im Nahen Osten hinzu.

Welcher Teil auf Sanktionen entfällt

Kaum isolierbar. Drei Kanäle lassen sich benennen, aber nicht sauber beziffern: der direkte Handel mit sanktionierten Ländern (messbar, gesamtwirtschaftlich klein), die Energiepreise (groß, aber Folge von Krieg, russischem Lieferstopp und EU-Embargos zusammen) und die Vorsicht von Banken und Firmen (plausibel groß, nicht gemessen). Wer eine einzige Prozentzahl für die Kosten der Sanktionen nennt, sollte seine Annahmen offenlegen.

Wie Haushalte und Firmen die Folgen erleben, steht in „Was eine Blockade für Haushalte, kleine und große Firmen bedeutet“. Ob das BIP die Lage richtig zeigt, prüft „Wächst die Wirtschaft wirklich?“. Die US-Zölle nach Warengruppen behandelt die Kurzstudie zu den Exporten in die USA.

Nachrechnen

Die Zeitreihen liegen als CSV-Dateien vor, die Rechnung als Python-Skript ohne Zusatzbibliotheken: daten/abruf.py lädt die Daten von Eurostat und vom IWF, daten/auswertung.py rechnet daraus die Ergebnisse (ergebnis_*.csv). Verkettete Volumen addieren sich nicht exakt; Unterschiede in der letzten Stelle sind Rundung.

Dieser Beitrag ist eine Information und keine Rechts- oder Anlageberatung. „Helfen statt Blockieren“ ist überparteilich.

Quellen

Alle Online-Quellen abgerufen am 3. November 2026.

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