Sanktionen und Blockaden werden in Hauptstädten beschlossen, ihre Kosten entstehen am Küchentisch, in der Werkstatt und in der Konzernbilanz. Dieser Beitrag ordnet, was die Forschung über die Folgen weiß, für das Zielland und für das Land, das sie verhängt, und wo die Zahlen fehlen.
Im Haushalt: Preise, Überweisungen, Gesundheit
Für Haushalte im Land, das Sanktionen verhängt, zeigt sich die Wirkung vor allem an der Kasse. In Deutschland stiegen die Verbraucherpreise 2022 um 8,7 %, Energie um 34,7 %. Dahinter stand ein Bündel: der Krieg gegen die Ukraine, Russlands Stopp der Gaslieferungen über Nord Stream 1 im Sommer 2022, die EU-Einfuhrverbote für Kohle und Öl und Nachholeffekte nach der Pandemie. Der Gasstopp war eine russische Entscheidung, keine EU-Sanktion; im Alltag wirken beide zusammen.
Wer Geld in ein sanktioniertes Land schickt oder von dort bekommt, erlebt Sanktionen als Wartezeit und Ablehnung. Banken prüfen Namen, Länder und Waren; viele gehen weiter, als das Recht verlangt, weil ein Fehler teurer ist als ein verlorener Kunde. Eine amtliche Zahl abgelehnter Zahlungen gibt es nicht. Ein Beispiel mit beiden Seiten: Am 23. November 2020 schloss Western Union seine 407 Stellen in Kuba, nachdem die US-Regierung Geschäfte mit Fincimex untersagt hatte, einem Partner aus dem militärisch geführten Konzern GAESA. Die kubanische Regierung lehnte es ab, auf einen Dienstleister ohne Militärbezug umzustellen. Nach rund zwei Jahren Pause nahm Western Union die Überweisungen wieder auf; am 5. Februar 2025 stellte das Unternehmen sie erneut ein. Das US-Embargo und die Entscheidungen der kubanischen Führung haben den Weg des Geldes gemeinsam verengt; unter derselben Führung zählte Prisoners Defenders 1.351 politische Gefangene (Stand 30. September 2026; 496 davon verurteilt, aber nicht in Haft).
Im Zielland geht es auch um Gesundheit. Human Rights Watch dokumentierte 2019 für Iran, dass Banken und Firmen selbst erlaubte Lieferungen mieden; ein europäischer Hersteller stellte etwa Wundauflagen für rund 800 Menschen mit einer seltenen Hautkrankheit ein. Im Durchschnitt vieler Länder senken Sanktionen der Vereinten Nationen die Lebenserwartung deutlich stärker als Sanktionen der USA, und Frauen sind stärker betroffen (Gutmann, Neuenkirch, Neumeier 2021).
Im kleinen Betrieb: Prüfung, Kredit, Material
Kleine Firmen treffen Sanktionen selten über ein Verbot, das sie selbst betrifft, sondern über die Vorsicht anderer. In der Umfrage „Going International 2026“ der DIHK meldeten 69 Prozent von 2.400 Auslandsfirmen mehr Handelshemmnisse, ein Rekord; von denen mit nichttarifären Hemmnissen nannten 30 Prozent Sanktionen und 35 Prozent strengere Exportkontrollen. Beim Kredit erlebten im 2. Quartal 2026 40,5 % der kreditsuchenden Mittelständler ihre Bank als restriktiv, so viele wie nie seit 2017; im 3. Quartal waren es knapp 36 Prozent. Und im November 2025 fehlte 11,2 Prozent der Industriefirmen Material, in der Autoindustrie 27,6 Prozent; das ifo-Institut hielt Chinas Exportkontrollen für Seltene Erden für die naheliegende Ursache, abgefragt wurde sie nicht.
Anteil der Firmen in Kreditverhandlungen, die Banken als restriktiv erleben, Prozent.
| Quartal | Mittelstand | Großunternehmen |
|---|---|---|
| 2026 Q2 | 40,5 % | 32,9 % |
| 2026 Q3 | 36,0 % | 27,0 % |
KfW-ifo-Kredithürde Q2 2026; KfW, 29.10.2026 (Q3 gerundet).
Im Konzern: Abschreibung, Rettung, Umbau
Große Firmen tragen die großen Einzelbeträge. Uniper, der größte deutsche Gasimporteur, wies für 2022 einen Verlust von 19,1 Milliarden Euro aus, weil ausgefallenes russisches Gas teuer ersetzt werden musste; der Bund übernahm 99,1 Prozent. Die energieintensiven Branchen produzierten im März 2026 15,2 Prozent weniger als im Februar 2022. Die Autohersteller im DAX verdienten 2025 42 Prozent weniger, auch wegen Zöllen und schwächerer Nachfrage in China. Große Firmen können solche Lasten eher verteilen; kleine Firmen tragen eher laufende Kosten. Für diesen Unterschied gibt es Hinweise, aber keine Studie, die ihn für Deutschland beziffert.
Im Zielland: kurz und lang
Die Forschung ist hier ziemlich einig. Sanktionen der Vereinten Nationen senken das jährliche Wachstum des Einkommens je Einwohner um mehr als 2 Prozentpunkte, etwa zehn Jahre lang, zusammen um 25,5 Prozent; US-Sanktionen um 0,75 bis 1 Prozentpunkte jährlich, über sieben Jahre zusammen 13,4 Prozent (Neuenkirch, Neumeier 2015). Der Schaden fällt vor allem in die ersten Jahre, und eine Erholung zeigt sich während der Sanktion nicht (Gutmann und andere 2023). Sanktionen verschlechtern im Mittel auch die Menschenrechtslage (Peksen 2009). Ein Überblick über 31 quantitative Studien findet in 30 negative Folgen für Einkommen, Armut, Ungleichheit, Sterblichkeit oder Menschenrechte (Rodríguez 2024). Abwanderung kommt hinzu: Kuba verlor 2025 nach amtlicher Statistik 245.264 Einwohner durch Migration.
Vorsicht ist bei einzelnen Opferzahlen geboten. Eine 1999 veröffentlichte Erhebung aus dem Irak, nach der die Kindersterblichkeit unter den UN-Sanktionen stark gestiegen sei, gilt heute als manipuliert (Dyson, Cetorelli 2017). Für Venezuela ist umstritten, ob die US-Sanktionen ab 2017 oder die vorher eingebrochene Ölwirtschaft den größeren Teil der Not erklären.
Im Land, das sanktioniert
Auch der Absender zahlt. Nach 2014 verlor Russland bis Ende 2015 rund 53 Milliarden US-Dollar oder 7,4 Prozent seiner erwarteten Exporte, die sanktionierenden Länder rund 42 Milliarden US-Dollar oder 0,3 Prozent ihrer Exporte; der größte Teil davon betraf Waren, die gar nicht verboten waren. Die Autoren nennen das „friendly fire“: Banken und Firmen meiden ein Land insgesamt, wenn das Risiko steigt (Crozet, Hinz 2020). Seit 2022 ist die deutsche Ausfuhr nach Russland auf 6,9 Milliarden Euro gefallen, 2021 waren es 26,8 Milliarden. Ob Sanktionen ihr politisches Ziel erreichen, ist eine andere Frage: In einer großen Auswertung trugen sie in etwa einem Drittel der Fälle wesentlich zum Ziel bei (Hufbauer und andere 2007); andere zählen strenger und finden weniger.
Milliarden Euro je Jahr, nominal. 2014 erste EU-Wirtschaftssanktionen, 2022 Krieg, Gasstopp und Embargos.
| Jahr | Ausfuhr | Einfuhr |
|---|---|---|
| 2010 | 26,3 | 29,9 |
| 2011 | 34,4 | 38,3 |
| 2012 | 38,0 | 40,0 |
| 2013 | 35,8 | 39,1 |
| 2014 | 29,2 | 36,2 |
| 2015 | 21,7 | 27,4 |
| 2016 | 21,5 | 24,1 |
| 2017 | 25,8 | 28,6 |
| 2018 | 26,0 | 32,9 |
| 2019 | 26,7 | 27,9 |
| 2020 | 23,2 | 19,2 |
| 2021 | 26,8 | 29,0 |
| 2022 | 14,5 | 30,6 |
| 2023 | 8,9 | 2,4 |
| 2024 | 7,6 | 1,3 |
| 2025 | 6,9 | 0,9 |
Auswertung: Helfen statt Blockieren. Daten: Eurostat Comext DS-045409, 16.10.2026.
Gleichzeitig stieg die deutsche Ausfuhr in einige Nachbarländer Russlands stark, nach Kirgisistan von 50 Millionen Euro (2021) auf 713 Millionen Euro (2023).
Deutsche Ausfuhr, Index 2021 = 100. Ein Anstieg passt zu Umwegen über Drittstaaten, beweist sie aber nicht.
| Land | 2021 | 2022 | 2023 | 2025 |
|---|---|---|---|---|
| Kirgisistan | 100 | 652 | 1.438 | 878 |
| Armenien | 100 | 265 | 274 | 223 |
| Kasachstan | 100 | 194 | 223 | 187 |
| Russland | 100 | 54 | 33 | 26 |
Auswertung: Helfen statt Blockieren. Daten: Eurostat Comext DS-045409, 16.10.2026.
Was die Zahlen nicht sagen
- Sie trennen nicht, was Sanktion, was Krieg, was Gegensanktion und was Marktentwicklung ist.
- Die Kosten der Vorsicht von Banken, also abgelehnte oder verzögerte erlaubte Zahlungen, zählt niemand amtlich.
- Querschnittsstudien zeigen Durchschnitte; ein einzelnes Land kann besser oder schlechter fahren.
Was eine abgelehnte Zahlung im Einzelnen bedeutet, erklärt der Beitrag „Warum eine erlaubte Zahlung hängen bleibt“. Wie es Deutschland insgesamt geht, steht in „Fall Deutschland“.
Nachrechnen
Die Zeitreihen liegen als CSV-Dateien vor, die Rechnung als Python-Skript ohne Zusatzbibliotheken: daten/abruf.py lädt die Daten von Eurostat und vom IWF, daten/auswertung.py rechnet daraus die Ergebnisse (ergebnis_*.csv). Verkettete Volumen addieren sich nicht exakt; Unterschiede in der letzten Stelle sind Rundung.
Dieser Beitrag ist eine Information und keine Rechts- oder Anlageberatung. „Helfen statt Blockieren“ ist überparteilich.
Quellen
- Eurostat, prc_hicp_aind (HVPI), Comext DS-045409, https://ec.europa.eu/eurostat/api/dissemination/statistics/1.0/data/prc_hicp_aind
- Moll, Schularick, Zachmann, The Power of Substitution, Brookings Papers on Economic Activity, 27.9.2023, https://www.brookings.edu/articles/the-power-of-substitution-the-great-german-gas-debate-in-retrospect
- NBC News, Western Union in Cuba, November 2020, https://www.nbcnews.com/news/latino/because-trump-sanctions-western-union-remittances-come-end-cuba-n1248790
- Havana Times (nach 14ymedio), „Western Union Suspends Money Transfers to Cuba“, 8.2.2025, https://havanatimes.org/news/western-union-suspends-money-transfers-to-cuba
- Prisoners Defenders, 15.10.2026, https://www.prisonersdefenders.org/2026/10/15/presos-politicos-cuba-septiembre-2026/
- Human Rights Watch, Maximum Pressure, 29.10.2019, https://www.hrw.org/report/2019/10/29/maximum-pressure/us-economic-sanctions-harm-iranians-right-health
- Gutmann, Neuenkirch, Neumeier, Journal of Development Studies 57(1), 2021, DOI 10.1080/00220388.2020.1746277, https://econpapers.repec.org/RePEc:taf:jdevst:v:57:y:2021:i:1:p:139-162
- DIHK, Going International 2026, 24.3.2026, https://www.dihk.de/de/newsroom/going-international-2026-handelshemmnisse-auf-rekordniveau-175218
- KfW-ifo-Kredithürde Q2 2026, https://www.kfw.de/PDF/Download-Center/Konzernthemen/Research/PDF-Dokumente-KfW-ifo-Kredithuerde/KfW-ifo-Kredith%C3%BCrde-Q2-2026.pdf
- KfW, Pressemitteilung Kredithürde Q3 2026, 29.10.2026, https://www.onvista.de/news/2026/10-29-ots-kfw-kfw-research-unternehmen-kommen-wieder-etwas-leichter-an-kredite-0-10-26569772
- dpa-AFX, ifo Materialmangel, 1.12.2025, https://www.onvista.de/news/2025/12-01-roundup-materialmangel-in-industrie-china-wahrscheinliche-ursache-0-10-26455522
- Uniper, Geschäftsjahr 2022, 17.2.2023, https://www.uniper.energy/system/files/2023-02/2023-02-17_GJ_2022_Uniper_Pressemitteilung.pdf
- Destatis, PM N032, 15.5.2026, https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/05/PD26_N032_42.html
- EY, DAX 40 Gesamtjahr 2025, 27.3.2026, https://www.ey.com/de_de/newsroom/2026/03/ey-analyse-dax40-gesamtjahr-2025
- Neuenkirch, Neumeier, European Journal of Political Economy 40, 2015, DOI 10.1016/j.ejpoleco.2015.09.001, https://econpapers.repec.org/RePEc:eee:poleco:v:40:y:2015:i:pa:p:110-125
- Gutmann, Neuenkirch, Neumeier, Journal of Comparative Economics 51(4), 2023, DOI 10.1016/j.jce.2023.05.005, https://econpapers.repec.org/RePEc:eee:jcecon:v:51:y:2023:i:4:p:1214-1231
- Peksen, Journal of Peace Research 46(1), 2009, DOI 10.1177/0022343308098404, https://econpapers.repec.org/RePEc:sae:joupea:v:46:y:2009:i:1:p:59-77
- Rodríguez, Journal of Economic Studies 51(4), 2024, DOI 10.1108/JES-06-2023-0299, https://emerald.com/insight/content/doi/10.1108/JES-06-2023-0299
- ONEI, Indicadores demográficos 2025, nach Diario de Cuba, Oktober 2026, https://diariodecuba.com/cuba/1792841171_69524.html
- Dyson, Cetorelli, BMJ Global Health 2(2), 2017, e000311, https://gh.bmj.com/content/2/2/e000311.abstract
- Hausmann, Muci, Americas Quarterly, 1.5.2019, https://www.americasquarterly.org/article/dont-blame-washington-for-venezuelas-oil-woes-a-rebuttal/
- Crozet, Hinz, Economic Policy 35(101), 2020, DOI 10.1093/epolic/eiaa006, https://econpapers.repec.org/RePEc:oup:ecpoli:v:35:y:2020:i:101:p:97-146.
- Hufbauer, Schott, Elliott, Oegg, Economic Sanctions Reconsidered, 3. Aufl., PIIE 2007, https://www.piie.com/sites/default/files/publications/papers/hufbauer0708ppt.pdf
Alle Online-Quellen abgerufen am 3. November 2026.
