Eine Vermutung, die wir hier offen prüfen, nicht vertreten: Krisen und Sanktionen hätten Geld vom kleinen Unternehmer weggeleitet, das BIP wachse vor allem durch reichere Konzerne und kreditfinanzierte Staatsausgaben und zeige die Lage deshalb falsch. Wir zerlegen die Vermutung in sechs Teile und legen jeden neben die Daten.
Die Vermutung in sechs Teilen
Erstens: Geld bewege sich vom kleinen Unternehmer weg. Zweitens: Das BIP wachse vor allem, weil Große reicher werden. Drittens: Es wachse durch kreditfinanzierte Staatsausgaben. Viertens: Große bauten Stellen ab, der Staat baue auf. Fünftens: Das BIP spiegele die Lage deshalb nicht richtig. Sechstens: Es werde „auf Kredit erwirtschaftet“. Jeder Teil kann für sich stimmen oder nicht.
1 Geld weg vom kleinen Unternehmer? Teilweise
Der Anteil kleiner und mittlerer Firmen an der Wertschöpfung lag 2021 bei 47,7 %, 2024 bei 46,2 %. Ältere Werte um 54 Prozent sind wegen geänderter Zählweise nicht vergleichbar: Seit 2018 zählen formal getrennte Kleinfirmen eines Konzerns zum Großunternehmen. Am Umsatz fiel der Anteil nach dem Institut für Mittelstandsforschung von 34,4 % (2013) auf 28,0 % (2023), auch hier mit Brüchen. Zugleich ist der Mittelstand im Durchschnitt nicht ausgeblutet: Die KfW meldet für 2025 eine Umsatzrendite von 7,5 Prozent und eine Eigenkapitalquote von 30,7 Prozent, aber real 1,5 Prozent weniger Umsatz. Kredit wurde 2026 schwerer: 40,5 Prozent der kreditsuchenden Mittelständler erlebten ihre Bank im 2. Quartal als restriktiv.
Gewerbliche Wirtschaft, Firmen unter 250 Beschäftigten, Prozent. Nur Jahre mit gleicher Methode (ab 2021).
| Jahr | Anteil |
|---|---|
| 2021 | 47,7 % |
| 2022 | 47,6 % |
| 2023 | 46,0 % |
| 2024 | 46,2 % |
Auswertung: Helfen statt Blockieren. Daten: Eurostat sbs_sc_ovw, 30.9.2026.
2 Werden die Großen reicher? Eher nicht
Die Gewinnquote der Unternehmen sank 2025 auf 35,6 %, den niedrigsten Wert seit 2014. Die DAX-Konzerne verdienten 2025 4 Prozent weniger, die Autohersteller 42 Prozent weniger; nur die Finanzbranche und Rüstungsfirmen meldeten Rekorde. Die 100 größten Unternehmen erwirtschafteten 2024 13,9 Prozent der Wertschöpfung, um 1980 waren es rund 19 Prozent (Monopolkommission). Gewinne nach Firmengröße sind öffentlich nicht verfügbar; hier bleibt eine Lücke.
Bruttobetriebsüberschuss der nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften in Prozent ihrer Wertschöpfung.
| Jahr | Deutschland | EU |
|---|---|---|
| 2014 | 40,0 | 39,7 |
| 2015 | 39,7 | 40,7 |
| 2016 | 39,8 | 40,6 |
| 2017 | 39,6 | 40,9 |
| 2018 | 38,3 | 40,2 |
| 2019 | 36,9 | 39,8 |
| 2020 | 37,2 | 40,2 |
| 2021 | 39,9 | 42,0 |
| 2022 | 38,7 | 41,7 |
| 2023 | 39,2 | 41,5 |
| 2024 | 36,6 | 40,0 |
| 2025 | 35,6 | 39,8 |
Auswertung: Helfen statt Blockieren. Daten: Eurostat nasa_10_ki, 28.10.2026.
3 Trägt der Staat das BIP? Ja, weitgehend
Von 2019 bis 2025 wuchs das reale BIP um 30,3 Milliarden Euro. Der Staatskonsum allein stieg um 98,6 Milliarden, der private Konsum um 81,4 Milliarden; die Investitionen sanken um 48,5 Milliarden, und höhere Importe zogen 128,1 Milliarden ab. Ohne Staatskonsum läge die Wirtschaftsleistung grob gerechnet 2,4 % unter 2019. Das ist kein Rechenfehler: Unterricht, Pflege und Gesundheit sind echte Leistungen. Aber das Wachstum kam fast nur von dort.
Index 2019 = 100, real. „Ohne Staatskonsum“ ist eine Näherung.
| Jahr | BIP ohne Staatskonsum | BIP | Staatskonsum |
|---|---|---|---|
| 2014 | 91,9 | 91,2 | 88,5 |
| 2015 | 93,3 | 92,8 | 91,0 |
| 2016 | 95,0 | 95,0 | 94,7 |
| 2017 | 98,1 | 97,7 | 96,2 |
| 2018 | 99,4 | 98,9 | 97,2 |
| 2019 | 100,0 | 100,0 | 100,0 |
| 2020 | 93,7 | 96,0 | 104,9 |
| 2021 | 97,6 | 99,8 | 108,2 |
| 2022 | 99,9 | 101,6 | 108,6 |
| 2023 | 98,9 | 100,6 | 107,3 |
| 2024 | 97,8 | 100,6 | 111,5 |
| 2025 | 97,6 | 100,8 | 113,5 |
Auswertung: Helfen statt Blockieren. Daten: Eurostat nama_10_gdp, 22.10.2026.
Veränderung 2019 bis 2025, Milliarden Euro, real. Mehr Importe zählen negativ. Näherung, weil verkettete Werte nicht exakt addieren.
| Komponente | Mrd Euro |
|---|---|
| Staatskonsum | +98,6 |
| Privater Konsum | +81,4 |
| Exporte | +0,9 |
| Investitionen | −48,5 |
| Mehr Importe | −128,1 |
| BIP insgesamt | +30,3 |
Auswertung: Helfen statt Blockieren. Daten: Eurostat nama_10_gdp, 22.10.2026.
4 Bauen Große ab und der Staat auf? Für die Industrie ja
Im Verarbeitenden Gewerbe arbeiteten 2025 511.000 Menschen weniger als 2019, bei öffentlichen Dienstleistern, Erziehung und Gesundheit 1.084.000 mehr. Der öffentliche Dienst im engeren Sinn wuchs bis Mitte 2025 auf rund 5,5 Millionen Beschäftigte, vor allem in Schulen, Kitas und Hochschulen. Für Großunternehmen insgesamt stimmt das Bild bis 2024 nicht: Firmen mit 250 und mehr Beschäftigten hatten 2024 rund 776.000 Beschäftigte mehr als 2021, kleine und mittlere rund 172.000 mehr. Der Abbau in großen Industriefirmen zeigt sich vor allem ab 2025.
Erwerbstätige, Index 2019 = 100. Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit umfasst auch private Kliniken und Pflege.
| Jahr | Verarbeitendes Gewerbe | Öffentl. Dienstleister, Erziehung, Gesundheit |
|---|---|---|
| 2014 | 96,2 | 91,2 |
| 2015 | 96,6 | 93,0 |
| 2016 | 96,9 | 95,0 |
| 2017 | 97,8 | 96,8 |
| 2018 | 99,5 | 98,4 |
| 2019 | 100,0 | 100,0 |
| 2020 | 97,6 | 101,6 |
| 2021 | 96,1 | 103,9 |
| 2022 | 96,3 | 105,5 |
| 2023 | 96,4 | 106,5 |
| 2024 | 95,4 | 107,9 |
| 2025 | 93,4 | 109,6 |
Auswertung: Helfen statt Blockieren. Daten: Eurostat nama_10_a10_e, 21.10.2026.
5 Zeigt das BIP die Lage falsch? Es zeigt nicht alles, aber es beschönigt nicht
Das BIP misst Produktion, nicht Verteilung, Vermögen oder die Qualität öffentlicher Leistungen; darüber sind sich Fachleute weitgehend einig. Es verdeckt die Schwäche aber nicht: Je Einwohner liegt es 0,7 % unter 2019. Das real verfügbare Einkommen der Haushalte je Kopf, einschließlich staatlicher Sachleistungen, stieg dagegen um +6,2 %. Die Einkommensungleichheit liegt seit Jahren bei einem Gini-Wert um 30 (2025: 30,1). Die Vermögensungleichheit ist hoch, nach der Bundesbank zwischen 2021 und 2023 aber unverändert (Gini 72,4 nach 72,8).
6 „Auf Kredit erwirtschaftet“? Als Bild verständlich, als Messfehler nicht
Das Defizit lag 2025 bei 2,9 % des BIP, im 1. Halbjahr 2026 bei 3,1 Prozent. Die Schulden stiegen von 2.076 Milliarden Euro (2019) auf 2.846 Milliarden (2025), die Quote von 58,3 % auf 62,8 %; 2014 lag sie noch bei 74,4 %. Das Sondervermögen von bis zu 500 Milliarden Euro für Infrastruktur und Klimaneutralität kommt hinzu; nach dem Sachverständigenrat ist weniger als die Hälfte davon zusätzlich. Das BIP misst richtig, was produziert wird. Ob der Kredit sich lohnt, entscheidet sich daran, ob er Investitionen finanziert oder laufenden Konsum.
Stand 3. November 2026. Der Anteil der Sanktionen ist in keinem Teil sauber messbar.
| Teil der Vermutung | Was die Daten stützen | Was sie widerlegen | Was offen ist |
|---|---|---|---|
| 1 Geld weg vom kleinen Unternehmer | KMU-Anteil an Umsatz und Wertschöpfung leicht gesunken; Kredithürde 2026 auf Rekord | Rendite 7,5 Prozent und Eigenkapital 30,7 Prozent im Mittelstand solide | Lage der Kleinstfirmen; Rolle der Sanktionen |
| 2 Große werden reicher | Finanzbranche und Rüstung mit Rekorden | Gewinnquote, DAX-Gewinne und Konzentration gesunken | Gewinne nach Größe |
| 3 Staat trägt das BIP | Staatskonsum plus 13,5 Prozent, BIP plus 0,8 Prozent | Staatskonsum ist überwiegend steuerfinanziert | Ob das Sondervermögen zusätzlich investiert |
| 4 Große bauen ab, der Staat auf | Industrie minus 511.000, öffentliche Dienstleister und Gesundheit plus 1.084.000 | Großunternehmen insgesamt bis 2024 mit Zuwachs | Größenklassen 2025 und 2026 |
| 5 BIP zeigt die Lage falsch | BIP zeigt Verteilung und Schulden nicht | Je Einwohner zeigt es die Stagnation offen; Einkommensungleichheit stabil | Vermögen nach 2023 |
| 6 Auf Kredit erwirtschaftet | Defizit und Schuldenanstieg seit 2019 | Die Messung ist korrekt; Schuldenquote unter 2014 und unter EU | Ob Schulden in Investitionen fließen |
Helfen statt Blockieren, Bericht Wirtschaftsfolgen, 3.11.2026.
Und die Sanktionen?
Die stärkste Verbindung führt über teure Energie zur Industrie und zum Stellenabbau dort; diese Preise sind Folge von Krieg, russischem Lieferstopp und EU-Embargos zusammen. Für den Kredit kleiner Firmen ist ein Weg über die Vorsicht der Banken plausibel, aber nicht gemessen. Für die übrigen Teile zeigen die Daten keinen belastbaren Zusammenhang mit Sanktionen.
Die Lage im Vergleich mit EU und Welt steht in „Fall Deutschland“.
Nachrechnen
Die Zeitreihen liegen als CSV-Dateien vor, die Rechnung als Python-Skript ohne Zusatzbibliotheken: daten/abruf.py lädt die Daten von Eurostat und vom IWF, daten/auswertung.py rechnet daraus die Ergebnisse (ergebnis_*.csv). Verkettete Volumen addieren sich nicht exakt; Unterschiede in der letzten Stelle sind Rundung.
Dieser Beitrag ist eine Information und keine Rechts- oder Anlageberatung. „Helfen statt Blockieren“ ist überparteilich.
Quellen
- Eurostat, nama_10_gdp, nama_10_pc, nama_10_a10_e, nasa_10_ki, sbs_sc_ovw, ilc_di12, gov_10dd_edpt1, https://ec.europa.eu/eurostat/api/dissemination/statistics/1.0/data/
- Destatis, Jung, Kaus, WISTA 6/2020 (EU-Unternehmensbegriff ab 2018), https://www.destatis.de/DE/Methoden/WISTA-Wirtschaft-und-Statistik/2020/06/unternehmensstrukturstatistiken-062020.pdf
- IfM Bonn, Umsatz nach Unternehmensgröße 2013 bis 2023, https://www.ifm-bonn.org/fileadmin/data/redaktion/statistik/mittelstand_im_einzelnen/dokumente/Ums_2013-2023_D_KMU.pdf
- KfW-Mittelstandspanel 2026, 22.10.2026, https://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2026-10/69905480-kfw-mittelstandspanel-2026-deutscher-mittelstand-ist-gut-positioniert-den-aufschwung-mitzutragen-007.htm
- KfW-ifo-Kredithürde Q2 2026, https://www.kfw.de/PDF/Download-Center/Konzernthemen/Research/PDF-Dokumente-KfW-ifo-Kredithuerde/KfW-ifo-Kredith%C3%BCrde-Q2-2026.pdf
- EY, DAX 40 Gesamtjahr 2025, 27.3.2026, https://www.ey.com/de_de/newsroom/2026/03/ey-analyse-dax40-gesamtjahr-2025
- Monopolkommission, Hauptgutachten 2026, 9.7.2026, https://www.monopolkommission.de/en/publications/main-reports/competition-2026-towards-a-competition-oriented-economic-policy
- Destatis, PM 215, 22.6.2026 (öffentlicher Dienst), https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/06/PD26_215_741.html
- Destatis, PM 305, 25.8.2026, korrigiert 30.9.2026 (Defizit), https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/08/PD26_305_813.html
- bpb, Grundgesetzänderung für Verteidigung und Sondervermögen, https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/560839/grundgesetzaenderung-fuer-verteidigung-und-sondervermogen/
- Sachverständigenrat, Jahresgutachten 2025/26, https://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/en/annualreport-2025-pressrelease.html
- Deutsche Bundesbank, Vermögensbefragung 2023 (Themenseite), https://www.bundesbank.de/de/aufgaben/themen/bundesbank-studie-vermoegen-in-deutschland-steigen-nominal-gehen-aber-real-zurueck-ungleichheit-bleibt-unveraendert-954622
- Börsen-Zeitung, Bundesbank-Vermögensbefragung, 10.4.2025, https://www.boersen-zeitung.de/konjunktur-politik/haushalte-gehen-bewusster-mit-ihrem-vermoegen-um
Alle Online-Quellen abgerufen am 3. November 2026.
