Die EU beschließt Sanktionen in schneller Folge, 21 Pakete allein gegen Russland. Den Schutz ihrer Firmen vor fremden Sanktionen setzt sie dagegen kaum durch: Die Abwehrverordnung wird am 22. November 2026 dreißig Jahre alt, und die Kommission erhält im Schnitt 24 Meldungen im Jahr. Eine Bilanz mit beiden Seiten: wo die EU scheitert, wo sie sich selbst bremst und was gut läuft.
Der Schutz, der selten greift
Am 22. November 2026 wird die Abwehrverordnung 30 Jahre alt. Sie verbietet Firmen in der EU, bestimmte US-Sanktionen zu befolgen, und erlaubt Schadenersatz. Die Kommission selbst schrieb 2021 in ihrer Konsultation, fremde Sanktionen mit Wirkung auf Dritte hätten der EU-Wirtschaft erheblichen Schaden zugefügt und manche Firmen „gezwungen“, sich aus ganzen Branchen zurückzuziehen. Seit August 2018 gingen im Schnitt 24 Meldungen im Jahr bei ihr ein. Strafen verhängen die Mitgliedstaaten, jeder nach eigenem Recht. Die Konsultation schloss im November 2021; einen Gesetzesvorschlag zur Reform fanden wir in den gelesenen Quellen seither nicht. Im Oktober 2026, nach neuen US-Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof, verlangten Abgeordnete die Anwendung; die Kommission setzte zunächst auf Gespräche (Zeitleiste der EU).
Was die Verordnung schützt und wo sie endet, steht im Beitrag 30 Jahre Abwehrverordnung. Der Befund hier ist ein anderer: Die EU hat ein zweites Werkzeug für denselben Zweck geschaffen, das Instrument gegen wirtschaftlichen Zwang (Verordnung (EU) 2023/2675, seit Dezember 2023). Auch das wurde bis Januar 2026 nicht angewandt, obwohl es 2025 im Zollstreit mit den USA und im Januar 2026 im Streit um Grönland ernsthaft erwogen wurde.
Viele Pakete, ein Veto
Gegen Russland hat die EU bis Juli 2026 21 Sanktionspakete beschlossen. Das jüngste vom 23. Juli 2026 brachte 218 neue Listungen, so viele wie in keinem Paket seit Kriegsbeginn, verbietet Geschäfte mit über 100 russischen Banken und listet 27 Firmen in Drittstaaten, 14 davon in China. Jedes Paket braucht die Zustimmung aller 27 Staaten. Am 22. Februar 2026 kündigte Ungarn an, das 20. Paket zu blockieren, bis wieder Öl durch die Druschba-Leitung fließe; beschlossen wurde es am 23. April 2026. Die Einstimmigkeit macht Sanktionen glaubwürdig, wenn sie zustande kommen, und verwundbar, solange ein Staat sie als Hebel nutzt.
Anteil des Handels der EU mit Russland vor dem Angriff 2022, der von Beschränkungen erfasst ist, in Prozent. Ausfuhr: 52 Milliarden Euro, Einfuhr: rund 95 Milliarden Euro.
| Richtung | Anteil |
|---|---|
| Ausfuhr der EU nach Russland | 58 % |
| Einfuhr der EU aus Russland | 61 % |
Quelle: Schätzung des Europäischen Auswärtigen Dienstes, zitiert im Newsletter 2/2025 des Europäischen Rechnungshofs.
Wirken die Pakete? Die Antwort hängt davon ab, was man misst. Nach einer Schätzung des Europäischen Auswärtigen Dienstes erfassen die Beschränkungen 58 Prozent der Ausfuhr der EU nach Russland vor dem Krieg und 61 Prozent der Einfuhr. Die Öl- und Gaseinnahmen des russischen Staates lagen von Januar bis Oktober 2025 nach Angaben des Finanzministeriums bei 7,5 Billionen Rubel, 21 Prozent weniger als ein Jahr zuvor; als Gründe nennt der Bericht niedrigere Ölpreise, einen starken Rubel, schärfere Sanktionen und höhere Abschläge. Russlands Wirtschaft wächst nach dem IWF 2026 um 0,9 Prozent, sie bricht also nicht ein. Die Global Sanctions Data Base findet im Arbeitspapier zu Release 4 einen Rückgang des Handels mit den sanktionierenden Staaten um etwa ein Viertel, weniger als bei früheren Embargos, weil China, Indien und die Türkei einspringen (Zahlen und Umwege).
Durchgesetzt wird in 27 Hauptstädten
Sanktionen beschließt Brüssel, durchsetzen müssen sie Zoll, Aufsicht und Staatsanwaltschaft jedes Staates. Damit Umgehung nicht dort stattfindet, wo am mildesten bestraft wird, gilt seit 2024 eine Richtlinie mit gemeinsamen Mindeststrafen (Richtlinie (EU) 2024/1226). Die Frist lief am 20. Mai 2025 ab; im Juli 2025 erhielten 18 der 27 Staaten Aufforderungsschreiben der Kommission. Ob die Handelssanktionen insgesamt wirken und Lücken rechtzeitig geschlossen werden, prüft der Europäische Rechnungshof seit 2025; sein Bericht lag beim Abruf am 3. November 2026 in den gelesenen Quellen nicht vor.
Vorsicht, die mehr verhindert als das Recht
Ein Teil des Schadens entsteht nicht durch Verbote, sondern durch übertriebene Vorsicht: Banken lehnen erlaubte Zahlungen ab, weil die Prüfung teurer ist als das Geschäft. Die Europäische Bankenaufsicht warnte im Januar 2022 vor diesem „ungerechtfertigten“ De-risking. Eine Zählung der Fälle gibt es in der EU nicht. Wie das konkret abläuft, beschreibt Erlaubt und trotzdem blockiert.
Die eigene Baustelle: der Binnenmarkt
Der IWF hat 2024 gerechnet, dass die Hürden zwischen den EU-Staaten wie ein Zoll von rund 45 Prozent auf Waren und von etwa 110 Prozent auf Dienstleistungen wirken; zwischen den Bundesstaaten der USA liegt der Wert für Waren bei etwa 15 Prozent. Das Einkommen je Einwohner liegt in Europa nach dem IWF rund 30 Prozent unter dem der USA, vor allem wegen geringerer Produktivität. Der Bericht von Mario Draghi vom September 2024 bezifferte den zusätzlichen Investitionsbedarf auf 750 bis 800 Milliarden Euro im Jahr. Hier verliert Europa mehr Wohlstand als durch jede fremde Sanktion, und hier kann es allein handeln.
Hürden im Handel innerhalb der EU, umgerechnet in einen gleichwertigen Zoll, in Prozent; zum Vergleich der Handel zwischen den Bundesstaaten der USA. Schätzung des IWF, gerundet.
| Handel | Zollgleichwert |
|---|---|
| EU, Dienstleistungen | 110 % |
| EU, Waren | 45 % |
| USA zwischen Bundesstaaten, Waren | 15 % |
Quelle: IWF, Alfred Kammer, Rede zum Regional Economic Outlook Europa, 14.11.2024 („around 45 percent“, „about 110 percent“, Vergleich USA etwa 15 Prozent).
| Instrument | Seit | Was es soll | Stand November 2026 |
|---|---|---|---|
| Abwehrverordnung | 1996 | Firmen vor fremden Sanktionen schützen | Im Schnitt 24 Meldungen je Jahr an die Kommission seit August 2018; Durchsetzung bei den Staaten; Reform 2021 angestoßen, kein Gesetzesvorschlag gefunden |
| Sanktionen gegen Russland | 2014, verschärft ab 2022 | Kosten für den Krieg erhöhen | 21 Pakete; erfassen nach dem Auswärtigen Dienst 58 Prozent der früheren Ausfuhr und 61 Prozent der Einfuhr |
| Strafrecht bei Verstößen | Richtlinie 2024, Frist Mai 2025 | gleiche Strafen in allen Staaten | Juli 2025: 18 Staaten gemahnt |
| Instrument gegen Zwang | Dezember 2023 | Antwort auf wirtschaftlichen Druck | bis Januar 2026 nicht angewandt, mehrfach erwogen |
| Handelsabkommen | laufend | Märkte öffnen | Mercosur vorläufig seit Mai 2026; Indien verhandelt, noch nicht unterzeichnet |
| Binnenmarkt | 1993 | freier Verkehr in der EU | Hürden wie ein Zoll von rund 45 Prozent auf Waren, 110 Prozent auf Dienste (IWF) |
Quellen: Kommission (Konsultation 2021, 21. Paket), eucrim, Europäischer Rechnungshof, Wikipedia zum Instrument gegen Zwang (Sekundärquelle), Kommission zu Indien, IWF. Einzelbelege unten.
Was gut läuft
Die EU hält seit 2022 über 21 Pakete eine gemeinsame Linie gegen Russland, trotz Vetos. Sie öffnet Märkte, wo andere schließen: Das Abkommen mit dem Mercosur wird seit Mai 2026 vorläufig angewandt, die Verhandlungen mit Indien sind seit Januar 2026 abgeschlossen. Sie hat 2020 mit 15 weiteren Mitgliedern die Übergangslösung für Berufungen in der WTO geschaffen, die ohne die USA weiterarbeitet. Und sie hat humanitäre Ausnahmen in ihre Sanktionsregime übernommen (siehe Zeitleiste).
Der Fall Kuba
An Kuba zeigt sich beides. Die EU lehnt das US-Embargo in seiner Wirkung auf Dritte ab und hat dafür die Abwehrverordnung. Zugleich verlangte das Europäische Parlament am 18. Juni 2026 die Freilassung aller politischen Gefangenen; Prisoners Defenders zählte im September 2026 1.351. Bei der UN-Abstimmung über das Embargo am 28. Oktober 2026 (130 Ja, 17 Nein, 25 Enthaltungen) stimmten die EU-Staaten nicht einheitlich ab: Litauen, Slowenien, Tschechien und Ungarn dagegen, zehn Staaten, darunter Deutschland, enthielten sich.
Zwei Lesarten
Was für die EU spricht
- Einstimmigkeit sorgt dafür, dass Sanktionen von allen getragen werden; die EU hat trotz Vetos 21 Pakete beschlossen.
- Eine zurückhaltende Anwendung der Abwehrverordnung vermeidet Streit mit dem wichtigsten Verbündeten und schützt Firmen vor doppeltem Druck.
- Gemeinsame Mindeststrafen und Listungen in Drittstaaten zeigen, dass die EU aus Umgehungen lernt.
Was gegen sie spricht
- Ein einzelner Staat kann Pakete verzögern und Zugeständnisse erzwingen; so geschehen im Februar 2026.
- Ein Schutzgesetz, das kaum durchgesetzt wird, schützt nicht; die Kommission selbst beschreibt den Schaden fremder Sanktionen als erheblich.
- Die größten Verluste entstehen im eigenen Binnenmarkt, nicht durch fremde Staaten.
Nachrechnen: Die Reihen von IWF, Weltbank und den Unsicherheitsindizes lädt daten/abruf.py; die Auszüge liegen als daten/ergebnis_*.csv bei, die Werte aus Berichten in daten/werte_berichte.csv.
Diese Analyse ist eine Information und keine Rechts-, Steuer- oder Anlageberatung. Sie gibt die Sicht der Redaktion wieder, stellt Argumente beider Seiten dar und macht keine eigene Prognose. „Helfen statt Blockieren“ ist überparteilich.
Quellen
- Europäische Kommission, Public consultation on the review of the blocking statute, Konsultationsdokument, 9.2021. https://finance.ec.europa.eu/system/files/2021-09/2021-blocking-statute-review-consultation-document_en.pdf
- Wikipedia, „Anti-Coercion Instrument“ (Verordnung (EU) 2023/2675, Stand der Anwendung, Debatte Januar 2026 mit Belegen aus The Guardian, POLITICO, France 24), 2026 (Sekundärquelle). https://en.wikipedia.org/wiki/Anti-Coercion_Instrument
- Europäische Kommission, „EU adopts 21st package of sanctions against Russia“, 23.7.2026. https://finance.ec.europa.eu/news/eu-adopts-21st-package-sanctions-against-russia-2026-07-23_en
- Euronews, „Hungary blocks adoption of EU sanctions package until Ukrainian oil supplies resume“, 22.2.2026 (Sekundärquelle). https://www.euronews.com/2026/02/22/hungary-blocks-adoption-of-eu-sanctions-package-until-ukrainian-oil-supplies-resume
- eucrim, „Infringement proceedings for not transposing sanctions directive“ (Richtlinie (EU) 2024/1226, Aufforderungsschreiben an 18 Mitgliedstaaten am 24.7.2025), 2025 (Sekundärquelle). https://eucrim.eu/news/infringement-proceedings-for-not-transposing-sanctions-directive/pdf/
- Europäischer Rechnungshof, Newsletter 2/2025, „EU trade sanctions: do they work?“ (Prüfung angekündigt; Schätzungen des Europäischen Auswärtigen Dienstes), 2025. https://www.eca.europa.eu/ECAHTMLNews/NEWS2025_04_NEWSLETTER_02/en/body.html
- The Moscow Times, „Russia’s oil revenues plunge 27% year on year in October“ (Angaben des russischen Finanzministeriums), 2025 (Sekundärquelle). https://www.themoscowtimes.com/2026/08/04/russias-oil-revenues-plunge-27-year-on-year-in-october
- IWF, World Economic Outlook Oktober 2026, „Resilience Under Strain, Urgent Choices“, Kapitel 1 und Tabelle 1.1, 13.10.2026. https://www.imf.org/-/media/files/publications/weo/2026/october/english/ch1.pdf
- IWF, Alfred Kammer, „Scaling Up the Single Market to Boost Productivity“, Rede zum Regional Economic Outlook Europa, 14.11.2024. https://www.imf.org/en/news/articles/2024/11/18/sp111424-scaling-up-the-single-market-to-boost-productivity
- Chatham House, „Mario Draghi’s competitiveness report sets a political test for the EU“ (Bericht „The future of European competitiveness“, 9.9.2024), 12.9.2024 (Sekundärquelle). https://www.chathamhouse.org/2024/09/mario-draghis-eu-competitiveness-report-sets-political-test-eu
- Europäische Kommission, EU-India agreements (Abschluss der Verhandlungen 27.1.2026, Vorschlag zur Unterzeichnung 11.9.2026), 2026. https://policy.trade.ec.europa.eu/eu-trade-relationships-country-and-region/countries-and-regions/india/eu-india-agreements_en
- Wikipedia, „Appellate Body“ (Stand der Berufungsinstanz, MPIA mit 59 von 166 Mitgliedern im April 2026 nach Angaben des Außenministeriums Singapurs), 2026 (Sekundärquelle). https://en.wikipedia.org/wiki/Appellate_Body
- Europäische Bankenaufsicht (EBA), „EBA alerts on detrimental impact of unwarranted de-risking and ineffective management of money laundering and terrorist financing risks“, Stellungnahme EBA/Op/2022/01, 5.1.2022. https://www.eba.europa.eu/publications-and-media/press-releases/eba-alerts-detrimental-impact-unwarranted-de-risking-and
- Yalcin, Felbermayr u. a., The Global Sanctions Data Base, Release 4, CGPA Working Paper 2025-02 (Zahlen wie in „Wer blockiert wen“ ausgewertet), 22.1.2025. https://www.lebow.drexel.edu/sites/default/files/2025-01/wp2025002-global-sanctions-db-v2.pdf
- UN News, Abstimmung der Generalversammlung über das US-Embargo gegen Kuba (130 Ja, 17 Nein, 25 Enthaltungen), 28.10.2026. https://news.un.org/en/story/2026/10/1168694
- Prisoners Defenders, Monatsbericht über politische Gefangene in Kuba, Stand September 2026 (1.351), 15.10.2026. https://www.prisonersdefenders.org/2026/10/15/presos-politicos-cuba-septiembre-2026/
- Europäisches Parlament, Entschließung B10-0285/2026 zu Kuba (283 Ja, 199 Nein, 85 Enthaltungen), Abstimmungsdaten nach HowTheyVote.eu, 18.6.2026 (Sekundärquelle). https://howtheyvote.eu/votes/194562
- CiberCuba, Stimmverhalten der Staaten bei der UN-Abstimmung zum US-Embargo (Liste der Nein-Stimmen und Enthaltungen), 28.10.2026 (Sekundärquelle). https://en.cibercuba.com/noticias/2026-10-28-u1-e74-s27061-nid344063-resolucion-contra-embargo-pierde-fuerza-onu-35-votos
- Europäische Kommission, Vertretung in Luxemburg, „EU-Mercosur agreement to provisionally apply from 1 May 2026“, 23.3.2026. https://luxembourg.representation.ec.europa.eu/actualites-et-evenements/actualites/eu-mercosur-agreement-provisionally-apply-1-may-2026-2026-03-23_fr
- 1news.az, „EU adopts 20th sanctions package against Russia“, 23.4.2026 (Sekundärquelle). https://1news.az/en/news/20260423164004875-EU-adopts-20th-sanctions-package-against-Russia
Alle Online-Quellen abgerufen am 3. November 2026. Sekundärquellen sind gekennzeichnet; die Zahlen dort stammen vom genannten Herausgeber.
