Der Welthandel wächst trotz Zöllen, Sanktionen und Krieg am Golf: 2025 erreichte er nach UNCTAD 35 Billionen US-Dollar, die WTO erwartet für 2026 ein Plus von 3,9 Prozent beim Warenvolumen. Zugleich ist die weltweite Unsicherheit so hoch wie nie seit Beginn der Messung. Was der Weltmarkt jetzt braucht, sagen die Daten ziemlich deutlich: Regeln, die gelten, offene Rohstoffwege, Geld, das ankommt, und Investitionen, die nicht nur in reiche Länder fließen.
Der Handel wächst, aber schief
Die WTO hat ihre Prognose im Oktober 2026 kräftig angehoben: Das Volumen des Warenhandels wuchs 2025 um 4,2 Prozent und soll 2026 um 3,9 Prozent, 2027 um 4,1 Prozent wachsen. Im März hatte sie für 2026 noch 1,9 Prozent erwartet. Der Grund ist schmal: Güter für künstliche Intelligenz, also Chips, Server und Zubehör, machten im ersten Halbjahr 2026 14,8 Prozent des Warenhandels aus und trugen rund 47 Prozent seines Wachstums. Zehn Länder bestreiten etwa 85 Prozent dieser Ausfuhren. Wer solche Güter nicht herstellt, hat vom Aufschwung wenig.
Auch geografisch ist das Bild ungleich. Asiens Ausfuhr wächst 2026 nach der WTO um 9,9 Prozent, Europas stagniert (minus 0,1 Prozent), die des Nahen Ostens bricht um 17,2 Prozent ein, weil die Straße von Hormus über Monate kaum passierbar war. Der Handel zwischen den USA und China ist nach UNCTAD seit 2024 um mehr als ein Fünftel gefallen; die US-Einfuhr aus China sank 2025 um 29 Prozent, Chinas Anteil an der US-Einfuhr von 13,8 auf 9,3 Prozent (WTO).
Ausfuhrvolumen nach Regionen, Veränderung gegen 2025 in Prozent, Prognose der WTO vom Oktober 2026. Welt: +3,9 Prozent.
| Region | Ausfuhrvolumen 2026 |
|---|---|
| Asien | +9,9 % |
| Nordamerika | +5,7 % |
| Afrika | +5,6 % |
| Südamerika | +3,4 % |
| Europa | −0,1 % |
| GUS | −3,9 % |
| Naher Osten | −17,2 % |
Quelle: WTO, Global Trade Outlook and Statistics, Update Oktober 2026, Tabelle der Regionen.
Über lange Zeit gesehen stagniert die Verflechtung: Der Welthandel entsprach 2008 nach der Weltbank 60,3 Prozent der Weltwirtschaftsleistung, 2024 56,7 Prozent. Die Globalisierung ist also nicht zurückgedreht, aber sie wächst seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr schneller als die Wirtschaft selbst.
Das größte Hemmnis: Unsicherheit
Firmen können mit hohen Zöllen rechnen, schlechter mit wechselnden. Der World Uncertainty Index, der Länderberichte aus 143 Staaten auswertet, lag 2025 im Jahresmittel bei 294 und in den ersten drei Quartalen 2026 bei 296, wenn man den Durchschnitt der Jahre 1990 bis 2019 gleich 100 setzt. So hoch war er in keinem Jahr seit Beginn der Reihe, auch nicht in der Pandemie (2020: 173). Ein zweiter Maßstab, der Index der Federal Reserve zur Unsicherheit über Handelspolitik, der Berichte in sieben großen US-Zeitungen zählt, lag 2025 im Mittel bei 538; in den Jahren 2010 bis 2014 waren es meist 24 bis 30. Für 2026 zeigt er bis Oktober 253, weniger als 2025, aber noch ein Vielfaches früherer Jahre.
World Uncertainty Index, weltweiter Durchschnitt von 143 Ländern, Jahresmittel; Durchschnitt 1990 bis 2019 = 100. 2026: erste drei Quartale.
| Jahr | Index |
|---|---|
| 1995 | 65 |
| 1996 | 72 |
| 1997 | 67 |
| 1998 | 86 |
| 1999 | 75 |
| 2000 | 77 |
| 2001 | 91 |
| 2002 | 89 |
| 2003 | 104 |
| 2004 | 87 |
| 2005 | 91 |
| 2006 | 89 |
| 2007 | 86 |
| 2008 | 84 |
| 2009 | 88 |
| 2010 | 96 |
| 2011 | 112 |
| 2012 | 143 |
| 2013 | 143 |
| 2014 | 126 |
| 2015 | 149 |
| 2016 | 176 |
| 2017 | 154 |
| 2018 | 126 |
| 2019 | 169 |
| 2020 | 173 |
| 2021 | 138 |
| 2022 | 150 |
| 2023 | 132 |
| 2024 | 112 |
| 2025 | 294 |
| 2026 (drei Quartale) | 296 |
Quelle: Ahir, Bloom und Furceri, World Uncertainty Index, über FRED (WUIGLOBALSMPAVG), abgerufen am 3.11.2026. Jahresmittel und Umrechnung: Helfen statt Blockieren, daten/ergebnis_wui_jahr.csv.
Der IWF beschreibt die Lage im April 2026 ähnlich: Die Unsicherheit liege unter den Spitzen von 2025, sei aber „historisch“ hoch. Die Zollsätze selbst sind wieder gesunken. Die Weltbank schätzt den durchschnittlichen effektiven Zollsatz der USA im Juni 2026 auf etwa 12 Prozent, nach etwa 14 Prozent zu Jahresbeginn; Anlass war das Urteil des Supreme Court vom Februar 2026 gegen die Zölle nach dem Notstandsgesetz. Wie viele neue Schranken weltweit dazukommen, zählt Global Trade Alert; die Zahlen dazu stehen auf der Seite Wirtschaftsraum gegen Wirtschaftsraum.
Was der Weltmarkt braucht
Regeln, die gelten
Die WTO-Generaldirektorin Ngozi Okonjo-Iweala nannte im Oktober 2026 die Lage die schwerste Störung des Handels seit 80 Jahren und zugleich einen Befund, der oft untergeht: 72 Prozent des Warenhandels laufen weiter zu WTO-Bedingungen. Die Regeln tragen also noch. Ihre Durchsetzung nicht: Seit Dezember 2019 hat die Berufungsinstanz der WTO nicht mehr die nötigen drei Mitglieder, weil die USA Neubesetzungen blockieren. Wer einen Streit verliert, kann „ins Leere“ Berufung einlegen und das Urteil so aufhalten. Als Ersatz haben die EU und weitere Mitglieder 2020 eine Übergangslösung für Berufungen geschaffen (MPIA); nach Angaben, die Wikipedia dem Außenministerium Singapurs zuschreibt, gehörten ihr im April 2026 59 der 166 WTO-Mitglieder an. Die USA gehören nicht dazu.
Parallel wachsen regionale Abkommen. Nach der Weltbank stieg ihre Zahl von gut 300 im Jahr 2020 auf fast 400; sie decken heute 60 Prozent des Welthandels ab, 1990 waren es 40 Prozent. Das ist Öffnung, aber in Gruppen, und wer in keiner Gruppe ist, bleibt draußen.
Offene Rohstoffwege
Ohne Kobalt, Grafit, Mangan und Seltene Erden laufen weder Batterien noch Windräder noch Chipfabriken. Die OECD zählt seit 2009 die Ausfuhrbeschränkungen für kritische Rohstoffe: Sie haben sich bis 2024 etwa verfünffacht. Im Schnitt der Jahre 2022 bis 2024 unterlagen 16 Prozent des Welthandels mit diesen Rohstoffen einer Beschränkung, bei Kobalt 67 Prozent, bei Mangan 66 Prozent, bei Naturgrafit 47 Prozent und bei Seltenen Erden 45 Prozent. Wie China seine Kontrollen seit 2023 ausgebaut und teils ausgesetzt hat, steht im Magazinkapitel Blockaden der Weltwirtschaft.
Geld, das ankommt
Handel braucht Finanzierung. Die Asiatische Entwicklungsbank beziffert die Lücke bei der Handelsfinanzierung 2025 auf 2,5 Billionen US-Dollar, etwa ein Zehntel des Welthandels; 41 Prozent der Anträge kleiner und mittlerer Firmen wurden abgelehnt. Was das für Firmen heißt und warum Korrespondenzbanken sich zurückziehen, behandelt die Analyse Was braucht die Wirtschaft?.
Investitionen für alle Weltregionen
Die ausländischen Direktinvestitionen stiegen 2025 nach UNCTAD um 6 Prozent auf 1,6 Billionen US-Dollar, aber ungleich: in Industrieländer plus 11 Prozent, in Entwicklungsländer plus 2 Prozent, nach Afrika minus 26 Prozent auf 70 Milliarden US-Dollar (nach einem Ausnahmejahr 2024). UNCTAD nennt Investitionsprüfungen und Lieferkettenauflagen als Hürden, die Entwicklungsländern den Weg in neue Branchen versperren.
Arbeit, die am Handel hängt
Nach der Internationalen Arbeitsorganisation hängen weltweit 465 Millionen Arbeitsplätze am Handel, mehr als die Hälfte in Asien und im Pazifikraum. Die ILO schreibt, Unsicherheit über Handelsregeln und Engpässe in Lieferketten drückten bereits auf die Löhne, besonders in Süd- und Südostasien und in Europa.
Zwei Lesarten
Was für Gelassenheit spricht
- Der Handel wächst trotz allem: 4,2 Prozent mehr Warenvolumen 2025 und 3,9 Prozent 2026 (WTO). Firmen haben Lieferwege umgelenkt, das hat den kurzfristigen Schaden höherer Schranken gedämpft (IWF, Oktober 2026).
- Das Handelsrecht selbst erlaubt Schutz: Artikel XXI des GATT lässt Maßnahmen zu, die ein Staat für seine wesentlichen Sicherheitsinteressen für nötig hält. Ausfuhrkontrollen für Rüstungs- und Spitzentechnik stützen sich darauf.
- Regionale Abkommen öffnen Märkte, wo die WTO stockt: fast 400 Abkommen, 60 Prozent des Welthandels (Weltbank).
Was dagegen spricht
- Der Aufschwung ruht auf einer Gütergruppe; ein Rückschlag bei Investitionen in künstliche Intelligenz würde den Handel stark treffen (WTO, ohne Zahl).
- Doppelte Lieferketten kosten auf lange Sicht, auch wenn sie kurzfristig schützen (IWF, Oktober 2026).
- Ohne funktionierende Berufungsinstanz sind Regeln weniger wert; kleine Länder können ihr Recht schwerer durchsetzen als große.
Nachrechnen: Die Reihen von IWF, Weltbank und den Unsicherheitsindizes lädt daten/abruf.py; die Auszüge liegen als daten/ergebnis_*.csv bei, die Werte aus Berichten in daten/werte_berichte.csv.
Diese Analyse ist eine Information und keine Rechts-, Steuer- oder Anlageberatung. Sie gibt die Sicht der Redaktion wieder, stellt Argumente beider Seiten dar und macht keine eigene Prognose. „Helfen statt Blockieren“ ist überparteilich.
Quellen
- WTO, Global Trade Outlook and Statistics, Update Oktober 2026, 10.2026. https://www.wto.org/english/res_e/booksp_e/gtos1026_e.pdf
- UN News, „Global trade reaches record $35 trillion despite conflicts“ (UNCTAD, Trade and Development Report 2026), 9.10.2026. https://news.un.org/en/story/2026/10/1168566
- Weltbank, World Development Indicators NE.TRD.GNFS.ZS (Handel in % des BIP) und TX.VAL.MRCH.CD.WT (Warenausfuhr in US-Dollar, Daten der WTO), Stand 8.10.2026; Anteile eigene Rechnung, 8.10.2026. https://api.worldbank.org/v2/country/WLD/indicator/NE.TRD.GNFS.ZS
- Ahir, Bloom, Furceri, World Uncertainty Index, weltweiter einfacher Durchschnitt (FRED, Reihe WUIGLOBALSMPAVG); Jahresmittel und Index 1990 bis 2019 = 100 eigene Rechnung, 10.2026. https://fred.stlouisfed.org/series/WUIGLOBALSMPAVG
- Caldara, Iacoviello, Molligo, Prestipino, Raffo, Trade Policy Uncertainty Index (Federal Reserve Board), Monatswerte bis Oktober 2026; Jahresmittel eigene Rechnung, 10.2026. https://www.matteoiacoviello.com/tpu.htm
- IWF, World Economic Outlook April 2026, „Global Economy in the Shadow of War“, Kapitel 1 (Szenarien, Zollannahmen), 04.2026. https://www.imf.org/-/media/files/publications/weo/2026/april/english/text.pdf
- IWF, World Economic Outlook Oktober 2026, „Resilience Under Strain, Urgent Choices“, Kapitel 1 und Tabelle 1.1, 13.10.2026. https://www.imf.org/-/media/files/publications/weo/2026/october/english/ch1.pdf
- Weltbank, Global Economic Prospects Juni 2026, Tabelle 1.1, Vorwort und Kapitel 1, 06.2026. https://thedocs.worldbank.org/en/doc/2b672b3b0415d6b66c45b66579db4ef5-0050012026/original/GEP-Jun-2026.pdf
- THISDAY (Abuja), „Okonjo-Iweala: Despite Global Stressors 72% of World Trade Still Under WTO Terms“ (Interview der WTO-Generaldirektorin mit CNN), 5.10.2026 (Sekundärquelle). https://www.thisdaylive.com/2026/10/05/okonjo-iweala-despite-global-stressors-72-of-world-trade-still-under-wto-terms/
- Wikipedia, „Appellate Body“ (Stand der Berufungsinstanz, MPIA mit 59 von 166 Mitgliedern im April 2026 nach Angaben des Außenministeriums Singapurs), 2026 (Sekundärquelle). https://en.wikipedia.org/wiki/Appellate_Body
- OECD, Inventory of Export Restrictions on Critical Raw Materials 2026, Kapitel „Key findings“, 2026. https://www.oecd-ilibrary.org/en/publications/oecd-inventory-of-export-restrictions-on-critical-raw-materials-2026_d5ca8f62-en/full-report/component-3.html
- UNCTAD, World Investment Report 2026, Kapitel 1, 2026. https://unctad.org/system/files/official-document/wir2026_ch01_en.pdf
- Asiatische Entwicklungsbank, 2025 Trade Finance Gaps, Growth, and Jobs Survey, Pressemitteilung, 15.1.2026. https://www.adb.org/news/demand-trade-finance-rise-amid-supply-chain-realignment-adb-report
- ILO, Employment and Social Trends 2026, Pressemitteilung „Global job quality stagnates despite resilient growth“, 14.1.2026. https://www.ilo.org/resource/news/global-job-quality-stagnates-despite-resilient-growth
- WTO, 32nd Report on G20 Trade Measures (Mitte Oktober 2024 bis Mitte Oktober 2025), 13.11.2025. https://www.wto.org/english/news_e/news_docs/32nd_WTO_Report_on_G20_Trade_Measures.pdf
- Global Trade Alert, Themenseiten und Kennzahlen, Stand 2.11.2026, Lizenz CC BY-NC 4.0 (nur Kennzahlen zitiert, wie in „Wirtschaftsraum gegen Wirtschaftsraum“), 2.11.2026. https://globaltradealert.org/threads/harmful-trade-interventions
Alle Online-Quellen abgerufen am 3. November 2026. Sekundärquellen sind gekennzeichnet; die Zahlen dort stammen vom genannten Herausgeber.
