Zerfällt die Weltwirtschaft in Blöcke, und was würde das kosten? IWF, WTO, EZB, Weltbank und das Kiel Institut haben Szenarien gerechnet. Diese Analyse stellt ihre Spannen nebeneinander, von 0,2 bis 9 Prozent der Weltwirtschaftsleistung, zeigt, wie sich das Gewicht der Weltregionen verschiebt, und sagt, was die Rechnungen nicht können. Eine eigene Prognose macht sie nicht.
Wie man Szenarien liest
Ein Szenario ist keine Vorhersage. Es beantwortet die Frage: Was wäre, wenn? Die WTO schreibt zu ihren eigenen Rechnungen ausdrücklich, sie seien keine Prognosen. Jede Zahl hängt an Annahmen, vor allem daran, wie leicht Firmen Lieferanten und Kunden ersetzen können. Das Kiel Institut nennt diese Ersetzbarkeit die Annahme mit dem größten Einfluss auf das Ergebnis. Deshalb stehen unten Spannen, nicht einzelne Werte.
Lange Frist: was Blöcke kosten könnten
Der IWF hat 2023 die bekannteste Spanne veröffentlicht: Ein Zerfall des Welthandels könnte langfristig zwischen 0,2 Prozent der Weltwirtschaftsleistung (begrenzte Fragmentierung) und bis zu 7 Prozent (schwere Fragmentierung mit hohen Anpassungskosten) kosten; kommt eine technische Entkopplung hinzu, in einzelnen Ländern 8 bis 12 Prozent. Am meisten gefährdet seien Schwellen- und Niedrigeinkommensländer, weil sie das Wissen verlören, das mit Handel und Investitionen kommt. In einer zweiten Rechnung zu Direktinvestitionen kam der IWF auf rund 2 Prozent des Welt-BIP.
Die WTO hat im World Trade Report 2023 die Welt bis 2050 in zwei Blöcke geteilt, einen östlichen und einen westlichen. In diesem Fall der „vollen Rivalität“ fiele der Welthandel um 13 Prozent; Entwicklungs- und am wenigsten entwickelte Länder verlören im Schnitt 6,5 Prozent ihres BIP, Industrieländer etwa 3 Prozent. Bleiben einige Entwicklungs- und alle ärmsten Länder neutral, beträgt der Verlust im Schnitt 2,8 Prozent, und die ärmsten Länder gewönnen sogar 1,9 Prozent. Die EZB hat 2024 einen Extremfall gerechnet, in dem zwischen geopolitischen Blöcken prohibitive Handelsschranken gelten: Die Weltwirtschaftsleistung fiele um bis zu 9 Prozent, die Inflation stiege im ersten Jahr um 4 Prozentpunkte.
Verlust gegenüber einer Welt ohne Fragmentierung. Die Studien messen Verschiedenes (Weltwirtschaftsleistung, Einkommen einzelner Länder, Inlandsverwendung), zu verschiedenen Zeitpunkten; sie sind nicht addierbar. Achse: Prozent.
Werte als Tabelle
| Schätzung | Quelle | Spanne |
|---|---|---|
| Zerfall in Blöcke, Welt, langfristig | IWF 2023 | 0,2 bis 7 % des Welt-BIP |
| dazu technische Entkopplung, einzelne Länder | IWF 2023 | 8 bis 12 % des BIP |
| Zerfall der Direktinvestitionen, Welt | IWF 2023 | rund 2 % des Welt-BIP |
| zwei Blöcke bis 2050, Industrie- und Entwicklungsländer | WTO 2023 | 3 und 6,5 % des BIP |
| teilweise Rivalität, Welt, bis 2050 | WTO 2023 | 2,8 % des BIP |
| Extremfall: Schranken zwischen Blöcken, Welt | EZB 2024 | bis zu 9 % des Welt-BIP |
| harte Abkopplung von China, Deutschland, dauerhaft | Kiel 2024 | 1 bis 2 % der Inlandsverwendung |
| dieselbe, Deutschland, erste Monate | Kiel 2024 | 4 bis 5 % |
Quellen: IWF SDN/2023/001; IWF-Blog zu WEO April 2023, Kapitel 4; WTO, World Trade Report 2023, Abbildung D.4; EZB Occasional Paper 365; Kiel Policy Brief 170. Zusammenstellung: Helfen statt Blockieren, daten/werte_berichte.csv.
Für Deutschland hat das Kiel Institut 2024 eine harte, plötzliche Abkopplung von China durchgerechnet: In den ersten Monaten rund 5 Prozent, im ersten Jahr rund 4 Prozent der inländischen Verwendung, also von Konsum und Investitionen, dauerhaft 1 bis 2 Prozent. Weniger harte Wege, etwa nur Hochtechnologie abzuschirmen, kosteten weniger.
Kurze Frist: Schocks des Jahres 2026
Im April 2026, nach Beginn des Krieges am Golf, rechnete der IWF zwei Szenarien. Im ungünstigen (Öl 80 Prozent teurer) wäre das Weltwachstum 2026 um 0,8 Prozentpunkte auf 2,5 Prozent gefallen, im schweren (Öl plus 100, Gas plus 200 Prozent) um 1,3 Punkte, auf rund 2 Prozent; der IWF nannte das „knapp“ vor einer weltweiten Rezession. Die Weltbank kam im Juni für einen Fall mit Energie- und Finanzstress auf nur 1,3 Prozent (zu Marktwechselkursen gerechnet, deshalb niedriger als beim IWF). Eingetreten ist bisher keines davon: Im Oktober erwartet der IWF für 2026 3,1 Prozent, die OECD im September 2,9 Prozent.
Wachstum der Weltwirtschaft in Prozent. Ausgangslage aus den Abständen der Szenarien zurückgerechnet (2,5 plus 0,8; 3,0 plus 0,2); schweres Szenario 2026 nach dem Vorwort „rund 2 Prozent“.
| Fall | 2026 | 2027 |
|---|---|---|
| Ausgangslage Januar 2026 | 3,3 | 3,2 |
| ungünstiges Szenario (Öl plus 80 %) | 2,5 | 3,0 |
| schweres Szenario (Öl plus 100 %, Gas plus 200 %) | 2,0 | 2,2 |
| tatsächliche Prognose Oktober 2026 | 3,1 | 3,4 |
Quellen: IWF, World Economic Outlook April 2026, Kapitel 1, Seiten 7 bis 10 und Vorwort; IWF, World Economic Outlook Oktober 2026, Tabelle 1.1.
Auch nach oben gibt es Spielraum: Ein stärkerer Ausbau künstlicher Intelligenz könnte das Welt-BIP nach dem IWF bis 2029 um 0,6 Prozent erhöhen. Die Risiken nach unten nennt der IWF im Oktober (neue Zölle, längerer Krieg, Rückschlag bei Investitionen in künstliche Intelligenz, Neubewertung an den Finanzmärkten), beziffert sie im Haupttext aber nicht.
Die Richtung: eine mehrpolige Welt
Unabhängig von Szenarien verschiebt sich das Gewicht. Gemessen an der Kaufkraft stieg Chinas Anteil an der Weltwirtschaft von 3,6 Prozent (1990) auf 19,9 Prozent (2026), Indiens von 3,4 auf 8,6 Prozent. Die USA fielen von 21,7 auf 14,6 Prozent, die EU von 25,0 auf 13,8 Prozent, Deutschland von 6,4 auf 2,9 Prozent. Bis 2030 setzt der IWF diese Linien fort. Der IWF schreibt dazu im April 2026, die Welt müsse nicht fragmentierter werden, auch wenn sie mehrpolig werde.
Anteil am Bruttoinlandsprodukt der Welt zu Kaufkraftparitäten, in Prozent; 2030 Prognose des IWF.
| Jahr | China | USA | EU | Indien |
|---|---|---|---|---|
| 1990 | 3,6 | 21,7 | 25,0 | 3,4 |
| 2000 | 6,7 | 20,4 | 21,6 | 3,9 |
| 2010 | 12,8 | 17,1 | 17,6 | 5,3 |
| 2020 | 18,4 | 15,3 | 15,2 | 6,8 |
| 2025 | 19,6 | 14,6 | 14,0 | 8,2 |
| 2030 (Prognose) | 20,3 | 13,9 | 12,9 | 9,9 |
Quelle: IWF DataMapper, Reihe PPPSH (WEO Oktober 2026), abgerufen am 3.11.2026; daten/ergebnis_iwf_anteil_kkp.csv.
Drei Wege, wie die WTO sie beschreibt
- Volle Rivalität: Alle Länder schließen sich einem von zwei Blöcken an. Höchste Kosten, vor allem für Entwicklungsländer.
- Teilweise Rivalität: Zwei Blöcke, aber viele Länder bleiben neutral und handeln mit beiden. Geringere Kosten; die neutralen ärmsten Länder könnten gewinnen.
- Wiederbelebung des Multilateralismus: Zollerhöhungen werden zurückgenommen, Hürden für Waren und Dienste gesenkt, die Unsicherheit sinkt. Nach der WTO stünden dann alle Volkswirtschaften auf Dauer besser da als in jedem Fragmentierungsfall.
Welcher Weg eintritt, entscheiden Regierungen, nicht Modelle. Was die Daten zeigen: Die Welt bewegt sich derzeit zwischen dem ersten und dem zweiten Weg. Der Handel zwischen den beiden gedachten Blöcken wuchs seit Beginn des Krieges in der Ukraine nach der WTO um 4 bis 6 Prozent langsamer als der Handel innerhalb der Blöcke, aber er wächst. Und die Zahl regionaler Abkommen steigt (Weltbank).
Zwei Lesarten
Was gegen Alarm spricht
- Die Modelle sind vorsichtig: Viele unterstellen, dass Firmen Lieferanten nur schwer ersetzen. In der Wirklichkeit haben sie umgelenkt, der Handel wuchs 2025 um 4,2 Prozent (WTO).
- Die schweren Szenarien des IWF vom April 2026 sind bisher nicht eingetreten.
- Sicherheit hat einen Preis, den Regierungen bewusst zahlen; ein kleiner Verlust an Wohlstand kann für weniger Erpressbarkeit gewählt werden.
Was für Sorge spricht
- Kosten der Fragmentierung entstehen langsam und werden spät sichtbar, etwa als fehlende Investitionen und weniger Wissen in ärmeren Ländern (IWF).
- Die Unsicherheit ist so hoch wie nie seit 1990; sie allein bremst Investitionen, auch ohne neue Zölle.
- Die Spannen sind breit, aber fast alle Schätzungen zeigen einen Verlust; kein Modell zeigt einen Gewinn für die Welt insgesamt.
Nachrechnen: Die Reihen von IWF, Weltbank und den Unsicherheitsindizes lädt daten/abruf.py; die Auszüge liegen als daten/ergebnis_*.csv bei, die Werte aus Berichten in daten/werte_berichte.csv.
Diese Analyse ist eine Information und keine Rechts-, Steuer- oder Anlageberatung. Sie gibt die Sicht der Redaktion wieder, stellt Argumente beider Seiten dar und macht keine eigene Prognose. „Helfen statt Blockieren“ ist überparteilich.
Quellen
- Aiyar, Chen, Ebeke u. a., „Geoeconomic Fragmentation and the Future of Multilateralism“, IWF Staff Discussion Note SDN/2023/001, 15.1.2023. https://www.imf.org/-/media/files/publications/sdn/2023/english/sdnea2023001.pdf.md
- Ahn, Habib, Malacrino, Presbitero, „Fragmenting Foreign Direct Investment Hits Emerging Economies Hardest“, IWF-Blog zu WEO April 2023, Kapitel 4, 5.4.2023. https://www.imf.org/en/blogs/articles/2023/04/05/fragmenting-foreign-direct-investment-hits-emerging-economies-hardest
- WTO, World Trade Report 2023 „Re-globalization for a secure, inclusive and sustainable future“, Kapitel D (Abbildung D.4), 12.9.2023. https://www.wto.org/english/res_e/booksp_e/wtr23_e/wtr23_ch4_e.pdf
- WTO, Pressemitteilung zum World Trade Report 2023, 12.9.2023. https://www.wto.org/english/news_e/news23_e/wtr_12sep23_e.htm
- The National, „Davos 2023: World divided into trading blocs will shrink global economy by 5% in long run“ (Aussage der WTO-Generaldirektorin), 17.1.2023 (Sekundärquelle). https://www.thenationalnews.com/business/economy/2023/01/17/davos-2023-world-divided-into-trading-blocs-will-shrink-global-economy-by-5-in-long-run
- Attinasi, Mancini, Smagghue u. a., „Navigating a fragmenting global trading system: insights for central banks“, EZB Occasional Paper Nr. 365 (Abstract), 12.2024. https://econpapers.repec.org/RePEc:ecb:ecbops:2024365
- Baqaee, Hinz, Moll, Schularick, Teti, Wanner, Yang, „What if? The Effects of a Hard Decoupling from China on the German Economy“, Kiel Policy Brief 170, 01.2024. https://www.kielinstitut.de/publications/what-if-the-effects-of-a-hard-decoupling-from-china-on-the-german-economy-17354
- IWF, World Economic Outlook April 2026, „Global Economy in the Shadow of War“, Kapitel 1 (Szenarien, Zollannahmen), 04.2026. https://www.imf.org/-/media/files/publications/weo/2026/april/english/text.pdf
- IWF, World Economic Outlook Oktober 2026, „Resilience Under Strain, Urgent Choices“, Kapitel 1 und Tabelle 1.1, 13.10.2026. https://www.imf.org/-/media/files/publications/weo/2026/october/english/ch1.pdf
- Weltbank, Global Economic Prospects Juni 2026, Tabelle 1.1, Vorwort und Kapitel 1, 06.2026. https://thedocs.worldbank.org/en/doc/2b672b3b0415d6b66c45b66579db4ef5-0050012026/original/GEP-Jun-2026.pdf
- Sofia Globe, „OECD increases global GDP growth projection for 2026, lowers it for 2027“ (OECD Economic Outlook, Interim Report, 23.9.2026), 24.9.2026 (Sekundärquelle). https://sofiaglobe.com/2026/09/24/oecd-increases-global-gdp-growth-projection-for-2026-lowers-it-for-2027/
- IWF DataMapper, Reihen NGDP_RPCH (reales BIP) und PPPSH (Anteil am Welt-BIP zu Kaufkraftparitäten), Stand WEO Oktober 2026; eigene Auszüge in daten/, 10.2026. https://www.imf.org/external/datamapper/api/v1/NGDP_RPCH
- WTO, Global Trade Outlook and Statistics, Update Oktober 2026, 10.2026. https://www.wto.org/english/res_e/booksp_e/gtos1026_e.pdf
Alle Online-Quellen abgerufen am 3. November 2026. Sekundärquellen sind gekennzeichnet; die Zahlen dort stammen vom genannten Herausgeber.
