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Arbeiten unter Blockade: Was Unsicherheit und Mangel mit Menschen machen

· Redaktion Helfen statt Blockieren

Sanktionen werden meist in Handelszahlen gemessen. Sie wirken aber auch am Arbeitsplatz: bei der Prüferin in der Bank, die über eine Überweisung entscheidet, beim Exporteur, der nicht weiß, ob seine Lieferung erlaubt bleibt, und bei der Ärztin, der ein Medikament fehlt. Was die Arbeitspsychologie dazu belegt und wo sie schweigt.

12 Mrd.Arbeitstage gehen weltweit jedes Jahr durch Depression und Angst verlorenWHO und ILO, 28.9.2022
42 von 43Studien zu US-Sanktionen fanden Schäden für die Gesundheit; 63 Prozent stammen aus IranBMJ Open, Übersicht, 9.10.2026
40 %der jungen Ärztinnen und Ärzte aus Venezuela in einer Befragung 2023 waren ausgewandertTeaching and Learning in Medicine, 2025
872 Tsd.Verdachtsmeldungen (genau 872.048) gingen 2023/24 bei der britischen Meldestelle einNational Crime Agency, SARs-Bericht 2024

Ein Modell für beide Seiten

Die Arbeitspsychologie beschreibt Belastung seit gut zwanzig Jahren mit einem einfachen Bild: Jede Arbeit stellt Anforderungen, und jede Arbeit bietet Ressourcen. Anforderungen sind Zeitdruck, Verantwortung, widersprüchliche Regeln. Ressourcen sind Handlungsspielraum, Unterstützung, faire Bezahlung, verlässliche Information. Steigen die Anforderungen dauerhaft und schwinden die Ressourcen, wächst das Risiko für Erschöpfung; reichen die Ressourcen, puffern sie viel ab. So fassen es Evangelia Demerouti und Arnold Bakker zusammen, deren Modell seit 2001 in vielen Studien geprüft wurde.

Das Bild passt auf beide Seiten einer Blockade. In den Ländern, die Sanktionen verhängen, steigen vor allem die Anforderungen: Listen ändern sich, Fehler werden teuer bestraft, Entscheidungen müssen schnell fallen. In den Ländern unter Sanktionen schwinden vor allem die Ressourcen: Material, Geld, Kolleginnen und Kollegen.

Wo die Belastung entsteht

Nach dem Modell der Arbeitsanforderungen und Ressourcen: Anforderungen steigen, Ressourcen sinken. Zuordnung der Redaktion; wie gut sie belegt ist, steht in der Kurzstudie.

Wo Sanktionen verhängt werdenBanken und ComplianceListen prüfen, Treffer klärenhohe Strafen bei FehlernExportabteilungenLizenzen, Fristen, neue ListenPlanung auf SichtKleinunternehmenkeine eigene Rechtsabteilungabgelehnte ZahlungenWo Sanktionen wirkenGesundheitspersonalfehlende MedikamenteGeräte ohne ErsatzteileLehrkräfteReallöhne sinkenKollegen wandern abSelbständigeDevisen, ZahlungswegeRegeln ändern sichWo Sanktionen verhängt werdenBanken und ComplianceListen prüfen, Treffer klärenhohe Strafen bei FehlernExportabteilungenLizenzen, Fristen, neue ListenPlanung auf SichtKleinunternehmenkeine eigene Rechtsabteilungabgelehnte ZahlungenWo Sanktionen wirkenGesundheitspersonalfehlende MedikamenteGeräte ohne ErsatzteileLehrkräfteReallöhne sinkenKollegen wandern abSelbständigeDevisen, ZahlungswegeRegeln ändern sich

Modell: Demerouti u. a. 2001; Bakker und Demerouti 2017. Belege je Gruppe: siehe Quellen und Kurzstudie „Arbeit unter Blockade“.

Was Unsicherheit belegt anrichtet

Für die Folgen von Unsicherheit am Arbeitsplatz gibt es solide Meta-Analysen. Eine Auswertung von 20 Langzeitstudien fand für Menschen, die ihren Arbeitsplatz für gefährdet halten, eine um 29 Prozent höhere Chance auf depressive Symptome; für tatsächliche Arbeitslosigkeit waren es 19 Prozent. Eine Auswertung von 17 Studien mit bis zu 174.438 Beschäftigten im BMJ fand ein um 32 Prozent höheres Risiko für koronare Herzkrankheit. Wichtig ist der Zusatz der Autorinnen und Autoren: Nach Berücksichtigung von sozialer Lage und Risikofaktoren sank der Wert auf 19 Prozent. Ein Teil des Zusammenhangs liegt also an Armut und Lebensumständen, nicht an der Unsicherheit allein.

Was Unsicherheit am Arbeitsplatz belegt mit sich bringt

Um wie viel Prozent die Chance (OR) oder das Risiko (RR) höher liegt als ohne die Belastung. Meta-Analysen prospektiver Studien; Zusammenhänge, keine Diagnosen.

Belastung und FolgeHöher um
Erlebte Arbeitsplatzunsicherheit: Depressive Symptome (OR 1,29; 95 % KI 1,06 bis 1,57)+29 %
Arbeitslosigkeit: Depressive Symptome (OR 1,19; 95 % KI 1,11 bis 1,28)+19 %
Erlebte Arbeitsplatzunsicherheit: Koronare Herzkrankheit (nach Alter bereinigt) (RR 1,32; 95 % KI 1,09 bis 1,59)+32 %
Erlebte Arbeitsplatzunsicherheit: Koronare Herzkrankheit (voll bereinigt) (RR 1,19; 95 % KI 1,00 bis 1,42)+19 %

Quellen: Kim und von dem Knesebeck, International Archives of Occupational and Environmental Health 89(4), 2016, 20 Kohorten; Virtanen u. a., BMJ 347, 2013, f4746, 17 Studien, bis 174.438 Personen. Datei daten/effekte_arbeit.csv.

Keine dieser Studien untersucht Sanktionen. Wer die Befunde auf eine Exportabteilung überträgt, deren Hauptkunde plötzlich gelistet wird, oder auf eine Lehrerin, deren Lohn die Inflation auffrisst, zieht einen Schluss, der plausibel ist, aber nicht gemessen. Diese Grenze nennen wir ausdrücklich.

In Ländern, die sanktionieren: Prüfen unter Strafandrohung

Wer in einer Bank Zahlungen prüft, arbeitet mit einer ungleichen Rechnung. Ein übersehener Treffer kann eine hohe Strafe und den eigenen Ruf kosten; eine abgelehnte erlaubte Zahlung kostet die Bank fast nichts. Der Ökonom Előd Takáts hat 2011 gezeigt, dass hohe Strafen Banken dazu bringen, auch schwach verdächtige Vorgänge zu melden, und dass die Fülle der Meldungen ihren Wert für die Ermittler verwässert. Er nennt das „Crying Wolf“. Wie groß das Volumen ist, zeigt die britische Meldestelle: 872.048 Verdachtsmeldungen in einem Jahr.

Ähnlich wirkt Unsicherheit auf Entscheidungen in Behörden und Unternehmen. Eine Befragung in der öffentlichen Verwaltung fand, dass etwa jede vierte der wichtigsten Entscheidungen eines Jahres defensiv getroffen wurde: nicht die beste Wahl, sondern die, für die man am wenigsten belangt werden kann. Die Studie betrifft keine Sanktionen; sie beschreibt aber genau das Verhalten, das in der Debatte über Überbefolgung als „De-Risking“ auftaucht. Für Exportabteilungen ist belegt, dass Unsicherheit über Handelspolitik Investitionen senkt. Wie viel Stress das für die Menschen bedeutet, die diese Entscheidungen täglich treffen, hat für den Bereich Sanktionen niemand mit anerkannten Fragebögen gemessen. Umfragen unter Compliance-Fachleuten gibt es, sie stammen aber meist von Anbietern der Branche.

In Ländern unter Sanktionen: Arbeiten mit dem, was fehlt

Eine Übersicht in BMJ Open vom Oktober 2026 hat 43 Studien zu den gesundheitlichen Folgen von US-Sanktionen ausgewertet; 42 fanden Schäden, etwa bei der Versorgung mit Medikamenten. 63 Prozent der Studien stammen aus Iran. Die Beschäftigten tauchen dort vor allem in Interviews auf: Fachleute aus der Gesundheitspolitik nennen Folgen für Motivation und Abwanderung. Eine Studie aus Iran mit 31 Interviews zählt Einkommen, Kaufkraft und Zugang zu Forschungsgeld zu den wichtigsten Gründen, zu bleiben oder zu gehen.

In Venezuela hatten von 312 jungen Ärztinnen und Ärzten, die 2023 an einer Befragung teilnahmen, 40 Prozent das Land verlassen. 97 Prozent sagten, fehlende Mittel in den Kliniken hätten ihre Ausbildung beeinträchtigt. Die Autorinnen und Autoren empfehlen unter anderem Angebote gegen moralische Belastung, also gegen das Leiden daran, nicht so behandeln zu können, wie man es gelernt hat. Ob Sanktionen oder die Wirtschaftspolitik der Regierung den größeren Anteil an dieser Lage haben, ist in Venezuela umstritten; die Studie trennt das nicht.

Wo Geld ganz ausbleibt, geht es um den Lohn selbst. Nachdem in Afghanistan 2021 die Mittel von Entwicklungsagenturen und internationalen Finanzinstitutionen gestoppt worden waren, zahlte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz nach eigenen Angaben die Gehälter von fast 10.500 Beschäftigten in 33 Krankenhäusern.

Kuba: zwei Ursachen, ein Lehrerzimmer

Im Oktober 2023 fehlten in Kubas Schulen nach Angaben des Bildungsministeriums 17.278 Lehrkräfte. Als Gründe nannte das Ministerium selbst die Abwanderung in besser bezahlte Arbeit, Auswanderung und zu wenige Bewerber für die pädagogischen Schulen. Der staatliche Durchschnittslohn lag 2024 nach der Statistikbehörde bei 5.839 Pesos im Monat, im Bildungswesen bei 5.451 Pesos. Die UN-Sonderberichterstatterin Alena Douhan nennt, nach Angaben, die ihr vorlagen, 30 bis 50 Prozent unbesetzte Stellen im öffentlichen Dienst.

Beide Hälften gehören dazu. Das US-Embargo verteuert Einfuhren, schreckt Banken ab und verknappt Devisen. Zugleich liegen Lohnniveau, Preise und die Regeln für private Arbeit in der Hand der kubanischen Führung, und wer öffentlich Kritik übt, riskiert Haft: Prisoners Defenders zählte im September 2026 1.351 politische Gefangene; 496 davon sind verurteilt, aber nicht in Haft. Umstritten sind auch die medizinischen Auslandseinsätze. Zwei UN-Sonderberichterstatterinnen schrieben 2019 von Hinweisen auf Zwangsarbeit, darunter einbehaltene Löhne und Druck auf Ärzte, die einen Einsatz abbrechen. Kubas Außenminister hält dagegen, die Zusammenarbeit „rettet Leben“ und habe mehr als 400.000 Fachkräfte in 164 Länder gebracht.

Mangel im Kopf: ein Befund mit Fragezeichen

Bekannt geworden ist die These, dass Knappheit selbst das Denken belastet: Wer ständig mit zu wenig auskommen muss, hat weniger geistige Kapazität für anderes. Eine viel zitierte Studie in Science zeigte 2013 solche Effekte bei Menschen mit wenig Geld. Spätere Wiederholungen von 20 Studien aus diesem Forschungsfeld fielen gemischt aus, mit deutlichen Erfolgen und klaren Fehlschlägen; die ursprünglichen Autoren widersprechen der Auswertung. Für eine belastbare Aussage über Menschen unter Sanktionen reicht das nicht.

Was nachweislich hilft

WHO und ILO empfehlen seit 2022 vor allem Maßnahmen in der Organisation, nicht nur beim Einzelnen: Führungskräfte schulen, Arbeitslast und Spielräume gestalten, Hilfe leicht zugänglich machen. Übertragen auf Sanktionen heißt das: Klare Generallizenzen, Leitlinien der Aufsicht und feste Ansprechstellen senken die Unsicherheit, die Prüferinnen und Exporteure tragen. Was Unternehmen, Banken und Einzelne konkret tun können, steht im Leitartikel „Was Unternehmen, Banken und jeder Einzelne tun können“; wie Banken entscheiden, im Artikel „Banken weltweit“.

Dieser Beitrag ist eine Information und keine Rechts-, Anlage- oder Gesundheitsberatung. Er stellt keine Diagnosen. Er gibt die Sicht der Redaktion wieder, stützt sich auf die genannten Quellen und nennt Gegenpositionen. „Helfen statt Blockieren“ ist überparteilich.

Quellen

Alle Online-Quellen abgerufen am 3. November 2026. Datendateien zum Nachrechnen: daten/ dieser Reihe.

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